Dolch aus dem Gewande

Braunschweig, Hindemith: Cardillac

Opernwelt - Logo

Ein kahl rasierter Schädel. Die Stirn leuchtet kalt. Stechende Augen, schwarz gerändert. Ein Blick, der töten könnte. Hinten lodert es goldgelb. Wo ich bin, suggeriert das angeschnittene Gesicht auf dem Programmheft des Staatstheaters Braunschweig, da brennt die Luft. Wer mir zu nahe kommt, dem kocht das Blut in den Adern über. Cardillac ist in Klaus Weises (aus Bonn übernommener) Hindemith-Inszenierung ein dämonischer Jedermann, ein Archetyp des genialischen Künstlers, der mit dunklen Mächten im Bunde steht und für seine Preziosen über Leichen geht.

In schwarzer Lederkluft treibt er sein teuflisches Spiel. Und das Paris von Louis XIV., in dem Librettist Ferdinand Lion die Handlung frei nach E. T. A. Hoffmanns Novelle «Das Fräulein Scuderi» spielen lässt, hat hier (anders als Hindemiths Partitur) weniger mit der Welt des Barock und Rokoko als mit den Architekturen des expressionistischen deutschen Films und mit der Entstehungszeit des «Cardillac» (UA 1926) zu tun.

Variable Treppen und Türen, die den Guckkasten füllen, ein klaustrophobischer Einheitsraum in Nachtschwarz und Feldgrau – Bühnenbildner Martin Kukulies hat sehr genau bei Georg Wilhelm Pabst, Friedrich Wilhelm Murnau und ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt März 2009
Rubrik: Panorama, Seite 41
von Albrecht Thiemann

Vergriffen
Weitere Beiträge
Mythos und Kunstgewerbe

Nehmen Sie überhaupt alles so, wie wenn es sich vor zwei oder drei Jahren irgendwo zwischen Moskau und Neuyork zugetragen hätte», riet Hugo von Hofmannsthal seinem Partner Richard Strauss bei einem Konzeptionsgespräch zur gemeinsamen Oper «Die ägyptische Helena». Zwanzig Jahre nach ihrer Zusammenarbeit an «Elektra» wollte der Dichter den Komponisten noch einmal für...

Das Ei des Paul Andreu

 Der «Platz des Himmlischen Friedens» in Peking, einer der größten Plätze der Welt, ist für seine kommunistischen Monumentalbauten bekannt. Er rahmt den Blick auf die Verbotene Stadt, von der aus das chinesische Riesenreich über mehrere Dynastien hinweg regiert wurde. Seit 2007 das neue Nationaltheater eingeweiht wurde, bietet der «Tian-An-Men»-Platz erstmals auch...

Grand Opéra als Kammerspiel

 Der amerikanische Orientalist Edward W. Said hat in seinem Buch «Kultur und Imperialismus» Verdis «Aida» unterstellt, dass sie «nicht so sehr ein Werk über als vielmehr der imperialen Herrschaft» sei. Genau das Gegenteil trifft zu. Dass Verdis populärste Oper sich auf kritische Weise mit dem impliziten Imperialismus des Sujets auseinandersetzt, ist spätestens seit...