Schmonzette ohne Fluchtwege
Ein riesiger schwarzer Fächer spreizt sich oberhalb des Strandbads, winkt mit Spanien-Romantik – das Einheitsbühnenbild für den zweiten Jahrgang der Berliner Seefestspiele, für die sich Filmemacher Volker Schlöndorff an «Carmen» versuchte. Schlöndorff enttäuschte 2005 an der Deutschen Oper Berlin mit Janáceks «Totenhaus», nun erweist sich seine «Carmen»-Inszenierung als Klischee-Parade auf Souvenirshop-Niveau. Carmen mit langem dunklen Haar, Kreolen, schwarzer Spitze und kampfbereitem Dekolleté. José ein schwächlicher Soldat, Escamillo ein Macho.
An Oberflächeneffekten herrscht kein Mangel: Die Massenszenen werden von Tanz- und Akrobatikeinlagen gestört, spielende Kinder bedienen den Niedlichkeitsfaktor. Einmal fährt ein Wohnwagen vorbei, die Insassen winken ins Publikum. Für eine Prise Politik sorgen die Schmuggler, die nach Luft ringende Flüchtlinge aus einem Container entlassen. Dazu jede Menge Kunstnebel. Man addiere Julius Hopps hoffnungslos biedere deutsche Erstübersetzung der Gesangstexte, und schon wird aus Bizets raffiniert-erotischer Oper eine Schmonzette ohne Fluchtwege.
Für Unterhaltung sorgen eher Vorfälle im Publikum. In der Premierenpause schaffen es die VIPs nicht, ...
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Opernwelt November 2012
Rubrik: Magazin, Seite 78
von Wiebke Roloff
Ostwestfalen-Lippe brennt für Richard Wagner. Während das Theater Bielefeld, die größte Bühne der Region, sich auffallend abstinent gibt und das kommende Jubiläumsjahr zu ignorieren scheint, wagt man an den umliegenden Kleinsthäusern immer wieder das schier Unmögliche: Im Landestheater Detmold, einem Theaterjuwel mit knapp 650 Plätzen, gibt es einen vollständigen...
Sie muss lange in der Maske gewesen sein, um so auszusehen: wie ein glatzköpfiger Kirchenmann, das Kreuz als Banner tragend, mit durchdringendem Blick, als wolle sie einen Ungläubigen mit dem Kruzifix exorzieren oder mindestens missionieren. Vermutlich war sie sich von Anfang an darüber im Klaren, dass die Angelegenheit maximalen Einsatz und ungewöhnliche Mittel...
Die Innsbrucker Festwochen der Alten Musik mischen gern Klassiker mit Raritäten. In diesem Sommer gab es Claudio Monteverdis «L’incoronazione di Poppea» als Repertoire-Kernstück – und dazu «La Stellidaura vendicante» des weitgehend vergessenen Komponisten Francesco Provenzale (1624-1704).
Provenzale? Schrieb der nicht Kirchenmusik? Ja, aber auch die kennt kaum...
