Schicksalsschläge

Strawinsky: Oedipus Rex
Dallapiccola: Il prigioniero
Dresden | Semperoper

Opernwelt - Logo

Aus der Bühnenschwärze heraus blinken tausende farbige Lichter. Eine Frau im Glitzeranzug tritt durch die zwei spitz zulaufenden LED-Wände. Sie bedient Computer; grüne Zahlenkolonnen hetzen über die Monitore. Sie ist die Herrin über die Algorithmen, über die Daten der Menschen.

Catrin Striebeck führt die Zuschauer dann als Sprecherin durch Strawinskys Kurzoper «Oedipus Rex». Doch in Elisabeth Stöpplers Inszenierung an der Semperoper ist sie weit mehr. Diese Frau kann die Schicksalsmaschine nach Belieben stoppen oder weiterlaufen lassen.

Sie weiß, was war, was ist, was kommen wird. Aber Orakel allein, das bleibt sie nicht.

Zum Schluss, als Oedipus schon völlig verloren ist, seine Frau/Mutter sich selbst gerichtet hat ob des Frevels, da macht er sich zu schaffen an der Infrastruktur des Serverraums. Er zieht dicke Kabelbündel hervor, so lange, bis sie ihn wie eine Python umschlingen. Doch dass Oedipus die Meta-Ebene angreift, lässt sich die Herrin nicht gefallen. Er darf nicht ausbrechen aus seinem Schicksal. Seine Daten gehören ihr. Also übernimmt sie selbst und sticht ihm die Augen aus. Aus welchem Äther jedoch die alten Männer und Kinder in Feinripp-Unterwäsche kommen, die ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt August 2018
Rubrik: Panorama, Seite 40
von Nora Sophie Kienast

Weitere Beiträge
Drama der Herzen

Mit den ersten Moll-Akkorden der Ouvertüre, den prominent auffahrenden, in diesem Werk so wichtigen Paukenwirbeln, ist alles entschieden: Es sollte ein orchestral phänomenaler Premierenabend in Frankfurt werden. Antonino Fogliani, der mit kreisender, aber deutlicher Gestik an gute alte italienische Kapellmeistertradition erinnerte, an Dirigenten wie Giuseppe...

Hochamt des Nihilismus

Fast 400 Jahre alt ist das Stück, aber es wirkt, als stamme es von heute. Tatsächlich zeigt «L’incoronazione di Poppea» eine Versammlung von Menschen, die nichts anderes kennen als das Ich. Sei es im Rom Kaiser Neros einige Jahrzehnte nach Christi Geburt, sei es im mächtigen, übersatten Venedig des Komponisten Claudio Monteverdi, sei es heute, im Zeitalter der...

Bittere Farce

Die Vorstellung ist absurd: ein Opernhaus ohne Intendant, ohne Chefregisseur und ohne Musikchef. Führungslos, ratlos, ideenlos. Was eigentlich nur kühnste Fantasie zu ersinnen vermag, ist in der Pokrovsky Kammeroper demnächst Realität. Und wie es aussieht, wird das Moskauer Theater als solches nicht mehr existieren.

So ernüchternd die Zukunftsaussichten, so...