Strauss war ihr Lieblingskomponist

Montserrat Caballé zum 80. Geburtstag

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«Stupenda» hatte jemand an ihre Garderobentür geschrieben, vor Jahren in einem großen italienischen Opernhaus – eilig, in etwas wackeligen, schüchternen Großbuchstaben, so, als wollte er sich bei dieser Geste herzlicher Verehrung nicht ertappen lassen.

Stupenda. Obwohl mit diesem Attribut normalerweise die Diva vom Fünften Kontinent geschmückt wurde, schien es auch auf Montserrat Caballé zu passen. Stupend zum Beispiel die schiere Universalität der katalanischen Primadonna.

Denn man wird ihrer Kunst nicht gerecht, wenn man sie vor allem in den Bereich belkantistischer Kehlkopfartistik verweist. Donizettis Lucrezia Borgia, die ihr den Weg zum Weltstar wies – dank des triumphalen Erfolgs bei einer konzertanten Aufführung in der New Yorker Carnegie Hall am 19. April 1965, als sie für Marilyn Horne einsprang –, war ihre erste Koloraturpartie in diesem Genre. Davor hatte die Sängerin unter anderem in Basel, Bremen und Saarbrücken vor allem als Interpretin von Mozart- und Strauss-Partien reüssiert, aber auch als Verdi- und Wagner-Heroine.

Strauss war nach eigener Aussage ihr Lieblingskomponist, trotz aller Freude am belcantismo ottocenteso. Und wer sie beispielsweise als Marschallin erlebte (ihr Auftritt in Glyndebourne 1965, im Jahr ihres internationalen Durchbruchs, ist auf CD nachzuhören), weiß, dass dies nicht bloß leere Worte waren. Die Beherrschung eines so unterschiedlichen, viele Epochen und Stile umfassenden Repertoires sei vor allem das Ergebnis einer guten Technik, äußerte sie gern in Interviews. Der mühelose technische Umgang mit ihrem Instrument ermöglichte ihr ein messa di voce, das seinesgleichen suchte, und auch das oft gerühmte Piano, gepaart mit der selten gewordenen Fähigkeit zum flüssigen Legato: die schimmernde Perlenkette als Vorbild in einer Zeit, da viele Sänger – auch viele «Stars» – allenfalls polierte Einzelperlen zustande bringen.

Dass sie dabei dem Schönklang gegenüber der expressiven Gestaltung den Vorzug gab, ist bekannt. Und auch, dass das Bühnentemperament der Diva eher auf Sparflamme brannte. Hämische Kritiker schrieben, ihre schauspielerischen Fähigkeiten seien auf die Ausdruckskraft einer Statue ­reduziert. Und Jürgen Kesting bemängelte, ihrem vokalen Ausdruck fehlten entscheidende Momente einer kommunikativen Kraft. Die Caballé freilich hielt ihren Kritikern entgegen, dass «Expressivität» oft aufgesetzt und nichts anderes als eine Verschleierung stimmlichen Unvermögens sei. Chacun à son goût.

Ihre Anhänger überzeugte die Diva auch damit, dass bei aller technischen Souveränität keine Singmaschine auf der Bühne stand, sondern trotz ihres vermeintlich gebremsten Temperaments stets ein Mensch mit Herz. Und Sängerkollegen erfuhren immer wieder, wie menschlich und liebenswert die Caballé bei der Arbeit war. Einem breiten Publikum wurde sie im Übrigen durch den Song «Barcelona» bekannt, den sie 1992 anlässlich der Olympischen Spiele in ihrer Heimatstadt zusammen mit Freddie Mercury aufnahm. Am 12. April wird Montserrat Caballé achtzig Jahre alt.   

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Opernwelt April 2013
Rubrik: Magazin, Seite 73
von Gerhard Persché

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