Kafka in New York
Der Dichter leidet. «Hör’ ich das Liedchen singen, / Das einst die Liebste sang, / So will meine Brust zerspringen / Vor wildem Schmerzensdrang.» So ritzte es Heinrich Heine in seinem «Lyrischen Intermezzo» aus dem «Buch der Lieder» ins Papier, tränenüberströmt vermutlich. Robert Schumann komponierte dazu im zwölften Lied seiner «Dichterliebe» eine Musik, die so klingt, als würden diese Tränen aufs Pflaster tropfen, eine nach der anderen, in zerbrechlichen Sechzehnteln, fast wie in Zeitlupe.
Noch während der Graben im Dunkeln liegt, nimmt eine Frau auf einem Hocker Platz und tupft die ersten Töne des g-Moll-Liedes auf die Tasten eines alten Klaviers. Doch weit und breit ist kein Sänger in Sicht, der die Melodiesplitter aufsammeln würde. Stattdessen tritt aus den Lamellen ein kleiner Junge, taxiert die stumme Sängerin sekundenlang ausdruckslos und knallt dann den Klavierdeckel zu. Die Frau verschwindet, angstvoll ihr Blick.
Poetischer, brutaler zugleich kann ein Abend kaum beginnen. Vor allem, wenn man die zweite Strophe des Gedichts in Gedanken rezitiert: «Es treibt mich ein dunkles Sehnen / Hinauf zur Waldeshöh’, / Dort löst sich auf in Tränen / Mein übergroßes Weh.» Faustische ...
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Opernwelt April 2019
Rubrik: Im Focus, Seite 6
von Jürgen Otten
Zu mehr als 150 Filmen hat er die Musik geschrieben. Berühmt geworden ist er mit seinen Arbeiten für Fellini, Visconti, Zeffirelli, Clément und zuletzt Coppola («Der Pate» I und II). Doch Nino Rota (1911-1979), der als Wunderkind begann, der seine klassische Ausbildung bei Ildebrando Pizzetti und Alfredo Casella erhielt, hat auch etliche Symphonien, Konzerte und...
Seit fünf Jahren hatte er nicht mehr vor einem Orchester gestanden, sich in sein Haus am Mondsee im Salzkammergut zurückgezogen. Als er spürte, dass Körper und Geist nicht länger den rigorosen Ansprüchen genügten, die er an sich und andere stellte, trat er aus dem Rampenlicht, das er eigentlich nie gesucht, eher als unvermeidliche Begleiterscheinung des Berufs...
Der russische Komponist Alexander Wustin, geboren 1943, hat sich den Ruf eines ernsthaften, tiefgründigen Avantgardisten erworben. Sein intensives Erleben der Zeitgeschichte als Raum für das aktuelle Musikschaffen lässt ihn in gewisser Weise zu einem Erben Anton Weberns werden. Vladimir Jurowski, seit 2011 Leiter der Jewgenij-Swetlanow-Symphoniker, ernannte Wustin...
