Sex in Zeiten des Internet
Philippe Boesmans ist nicht der erste, aber der bislang erfolgreichste Komponist, der Arthur Schnitzlers «Reigen» auf die Opernbühne brachte. Das «erektiefste» Stück , so das Bonmot des Schnitzler-Freundes Richard Beer-Hofmann, das bei seiner Uraufführung einen Theaterskandal auslöste, bietet mit seiner Variationsstruktur des Immergleichen – zehn Paare finden sich in zehn Szenen zur sexuellen Vereinigung zusammen – ideale Voraussetzungen für einen musikdramatischen Zugriff.
Schnitzlers kunstvoll die Umgangssprache stilisierenden Dialoge enthüllen mit gesellschaftskritischer wie psychologischer Tiefenschärfe die Fremdheit zwischen den Geschlechtern. Zum Sex kommt es immer, zur Begegnung nie. Das uneigentliche, mal hilflose, mal ironische Aneinander-Vorbeireden macht diesen Liebesreigen zeitlos, sodass er auch in unserer Welt der Dating Apps und des Cyber-Sex noch funktioniert.
Boesmans’ gefällig-virtuose Musik mit ihren unüberhörbaren Anklängen an Berg und das Fin de Siècle allerdings taucht Schnitzlers gnadenlose Abrechnung mit der bürgerlichen Doppelmoral in ein nostalgisches, ja oft geradezu verklärendes Licht. Nur selten findet sie freche Töne – dann aber gleich für Schwerhörige, ...
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Opernwelt Juni 2016
Rubrik: Panorama, Seite 54
von Uwe Schweikert
Ein zerstreuter Flaneur könnte es glatt übersehen, das Konserthus am Götaplatsen. Wie das vis-à-vis gelegene Stadsteater kauert der Bau im Schatten des stirnseitig auf einem Plateau thronenden Konstmuseums. Die Vorzüge des von dem schwedischen Architekten Nils Einar Eriksson entworfenen, 1935 eröffneten Quaders finden sich im Inneren. Alles kündet hier von einer...
Was ist eine Abenddämmerung im Frühling anderes als eine Vielzahl unvollendeter Geschichten?» Selten hat ein Dichter die Verwirrung des Geistes durch die Gleichzeitigkeit der Ereignisse und die Melancholie des Unvollendeten so poetisch-treffend beschrieben wie Bruno Schulz, der Autor und Maler aus dem ostgalizischen Drohobycz. In seinem Buch «Die Zimtläden», das...
Die Avantgarde bröckelt manchmal schneller, als man gucken kann. Valencias Opernhaus, dem Palau de les Arts Reina Sofía, musste keine zehn Jahre nach der Eröffnung 2005 eine neue Keramikhaut übergezogen werden – ob der Werkstoff dieses in Beton gegossenen architektonischen Hüftschwungs des Baumeisters Santiago Calatrava sich überhaupt eignet, wo Wind und...
