An die Gurgel, an die Wäsche
Eisig mutet die Musik an, wie gefroren. Mit Nachdruck bohrt sie sich in die Gehörgänge, reibungsreich in der klirrend-angespannten Harmonik, schneidend immer wieder, Verzweiflung und Schönheit in eins setzend, alles andere als geschickt lancierte Dutzendware. Es ist aber auch Musik von einer Empfindungstiefe sondergleichen. «Gelido in ogni vena» heißt die Arie, «Eiskalt in jeder Ader». Farnace singt sie am vermeintlichen Grab seines kleinen Sohnes. Vom Römer Pompeo (= Pompejus) wurde der Spross des durch Mozart opernbekannten Königs Mitridate(s) von Ponto(s) geschlagen.
Um sie nicht den Qualen der Gefangenschaft oder noch Schlimmerem auszusetzen, hat er seiner Gattin Tamiri befohlen, erst das Kind, dann sich selbst zu töten. Was letztendlich nicht geschieht und noch letztendlicher unter anderem zu einem ganz und gar absurden Happy End führt. Denn Farnaces rachsüchtig-hasssprühende Schwiegermutter Berenice fällt einer so plötzlichen wie unwahrscheinlichen Milde anheim. Was sich sonst an ausgesuchten Liebesverwicklungen begibt, wer wem sonst noch an die Gurgel oder die Wäsche will, darf hier getrost beiseite bleiben.
Antonio Vivaldi, «Farnace», Venedig 1727, Fassung von letzter Hand ...
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Opernwelt Juli 2012
Rubrik: Panorama, Seite 55
von Heinz W. Koch
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