Zaubertheater

Dessau | Gounod: Faust

Opernwelt - Logo

Der Himmel hängt voller Folianten. Es wirkt bedrohlich, wenn sich aus dem Schnürboden eine gigantische Bücherwand auf Fausts Studierstube herabsenkt. Noch schwerer als das gesammelte Wissen allerdings drückt den Herrn Doktor die Last des Alters.

Da aber weiß zum Glück Monsieur Mephisto Rat – und tatsächlich zwängt sich ein frühlingshaft belaubter Ast durch die Öffnung in der schwebenden Regalwand, wenn sich zwischen Marguerite und Faust das liebes­nächtliche Duett entspinnt: Grau, teurer Freund, ist alle Theorie, und grün des Lebens goldner Baum!

Hinrich Horstkotte bekennt sich in seiner «Faust»-Inszenierung ungeniert zum Pappmaché-Zaubertheater. Auf der riesigen Dessauer Bühne halten schwarz gewandete Statisten ein halbes Dutzend doppelseitig nutzbarer Häuschen ständig in Bewegung, außen Fassade, innen Puppenstube. Zusammen mit den historischen Kostümen erinnert das an die Optik des Musicals «Les Misérables» – nur dass Horstkotte intelligenter mit den Deko-Elementen spielt als die Broadway-Unterhalter. Da singt Marguerite vom «König in Thule», während sie durch die Straßen wandert – wobei sich hier die Gebäude um die Sopranistin bewegen statt umgekehrt. Ein raffinierter Effekt, der ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Mai 2012
Rubrik: Panorama, Seite 34
von Frederik Hanssen

Weitere Beiträge
Infos

Abschied

Er selbst bezeichnete sich einmal als «Kritiker, Dramaturg, Intendant und Bücherschreiber über Musik und Kunst». 1931 in Budapest in eine jüdische Familie hineingeboren, überlebte Ivan Nagel den Naziterror in einem Budapester Versteck, bevor er 1948 nach Zürich floh. Nach dem Studium in Paris, Heidelberg und Frankfurt am Main, wo er u. a. Philosophie bei...

Magie und Mechanik

Im Paris des 19. Jahrhunderts war Daniel-François-Esprit Auber ein Star. Ein Theaterkomponist, der nicht belehren, sondern unterhalten wollte. Ein brillanter Handwerker, der genau wusste, wie man mit Stimmen und Orchester Effekte erzielt. Die klare Satztechnik hatte er sich von Haydn und Mozart, die verführerische Melodik von Rossini abgeschaut. Er war auch ein...

Melancholie und Familienchaos

Zeitgenössische Opern sollten nach ihrer Uraufführung eine zweite Chance erhalten. Von dieser kulturpolitisch sinnvollen Forderung profitieren leider selten die sperrigen Werke (es sei denn, sie genießen den Kultstatus von Helmut Lachenmanns «Mädchen mit den Schwefelhölzern»), sondern meist Opern, die an das Repertoire, die Tradition, das klassische Gesangsideal...