Wille zur Macht
Der Prolog fehlt. Keine Debatte darüber, wer die einflussreichste allegorische Figur auf der Bühne ist. Fortuna, die Schicksalsgöttin, und Virtù, Vertreterin von Tugend und Tapferkeit, sind erst gar nicht angereist. Nur Amor ist erschienen, um den Menschen stupende erotische Energien einzuflößen. Allein, das Singen hat auch der Liebesgott anscheinend verlernt.
Stumm wie ein Fisch (aber ebenso geschmeidig) schlängelt sich die Tänzerin Diane Gemsch in schwarz-ledernem Ganzkörperanzug und furchterregender Dämonenmaske (Kostüme: Žana Bošnjak) durch das trockengelegte, weißgekachelte, mit Asche belegte Schwimmbecken des Bühnenbildners Wolfgang Menardi, reibt sich mal an Poppea, der Mätresse des Kaisers, mal an diesem selbst. Wirft ihren durchtrainierten Körper zwischen sie, rollt herum, touchiert mit unterschiedlicher Intensität verschiedene Gliedmaßen, wird handgreiflich, gleitet, wie von Furien getrieben, weiter.
«L’incoronazione di Poppea» heißt die Oper, die im Theater St. Gallen, gegeben wird. Aber es ist ein völlig anderes Stück als das 1643 aus der Taufe gehobene, uns bekannte von Claudio Monteverdi. Es eine Bearbeitung zu nennen, griffe entschieden zu kurz; zu einschneidend ...
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Opernwelt August 2019
Rubrik: Im Focus, Seite 12
von Jürgen Otten
Seine berühmte Abhandlung «Jenseits des Lustprinzips», in der erstmals der Begriff des Todestriebs entwickelt wird, veröffentlichte Sigmund Freud 1920. Im gleichen Jahr kam das heute wieder oft gespielte Werk eines anderen Wieners auf die Welt: Erich Wolfgang Korngolds «Tote Stadt». Eine frappierende Parallele. Die erfolgreichste Oper des frühreifen Komponisten...
Als ich Michael Kraus zum ersten Mal in Glyndebourne begegnete, beeindruckten mich nicht nur seine Stimme und Bühnenpräsenz, sondern auch die nüchterne Haltung zum Sängerberuf. Er ist ein Künstler, der Lob scheut, sich nichts vormacht. Beste Voraussetzungen für die Aufgabe, die er ab 2020 übernimmt: die Leitung des neuen Opernstudios an der Wiener Staatsoper.
Mic...
Ist Kunst an einen Ort gebunden, oder bemisst sich ihre Qualität gerade daran, ob sie losgelöst von den Bedingungen wirkt, unter denen sie entstand? Auf Bedřich Smetanas dritte Oper «Dalibor» trifft wohl eher Ersteres zu. Anlässlich der Grundsteinlegung des Prager Nationaltheaters 1868 komponiert und uraufgeführt (das dann 15 Jahre später mit einer weiteren Oper...
