Vorliebe für Außenseiter

«L’Invisible», ein Triptychon nach Maurice Maeterlinck, ist seine neunte Oper. Jahrzehnte hat Aribert Reimann den Stoff mit sich herumgetragen. Wie immer, wenn er für das Musiktheater schrieb. Porträt eines Einzelgängers

Opernwelt - Logo

Jeder große Künstler würde gern der letzte Mohikaner sein – oder der erste Mensch. Wir leben ja immer noch im Zeitalter des Originalgenies – auch, wenn dieser altehrwürdige Sturm und Drang-Begriff aus der Mode kam und längst durch neue, mit dem Zeitgeist von Copy & Paste kompatiblere Worte ersetzt worden ist, wie «Freak» oder «Ikone». Aribert Reimann ist weder das eine noch das andere. Er ist aber auch kein Geschichtspessimist, trotz seiner Vorliebe für die Nachtseiten des Lebens, die Ausgestoßenen, das Apokalyptische.

Was nicht nur Stoffauswahl und Quintessenzen seiner Werke geprägt hat, sondern sich, auf immer wieder andere Weise, unmittelbar in den Details seiner Musiksprache niederschlägt, in Form und Faktur, Klangbild und Instrumentalfarben. Tanz und Gelächter, Glück und Küsse kommen in Reimanns musikalischem Kosmos so gut wie nie vor. Stattdessen: Lamentogesten, geteilte Bratschen, dominierende Bässe, Schlagzeuggewitter und ein allzeit weit ausgreifendes Melisma, als Espressivo-Apotheose der leidenden, kämpfenden, sich entäußernden Menschenstimmen.

Eine schwarze Spur der Melancholie zieht sich unüberhörbar durch sein Œuvre, quer durch die frühen, ernsten Liedkompositionen ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Jahrbuch 2018
Rubrik: Uraufführung des Jahres, Seite 32
von Eleonore Büning

Weitere Beiträge
Nussknacker

Als er vor sieben Jahren zum ersten Mal «Sänger des Jahres» wurde, gehörte er noch zum Ensemble der Frankfurter Oper. Es war die Zeit seiner Debüts an der Mailänder Scala und der Berliner Staatsoper, bei den Salzburger Festspielen und in Glyndebourne. Dort gastierte Johannes Martin Kränzle seinerzeit mit jener Partie, die ihn 2014 an die Met, 2017 nach Covent...

Wie ein glatter goldner Ring

Im altgriechischen Theater war die Verschmelzung von gesprochenem Wort und (improvisierter) Musik selbstverständlich. Drama und Melos, Text und Klang, Sprechen und Singen agierten gleichsam auf Augenhöhe. Erst unter dem Einfluss der durchkomponierten Oper begannen sich die Gewichte zu verschieben: «Prima la musica, poi le parole» – der Titel des Einakters von...

Maßlos aus Prinzip

Die Ersten waren sie nicht an der Deutschen Oper Berlin. Das «Wunder der Heliane», Erich Wolfgang Korngolds lange geschmähtes opus maximum, wieder ganz groß herauszubringen – dieser Aufgabe hatte sich das kleine Pfalztheater in Kaiserslautern bereits 2010 gestellt. Auch der Opera Vlaanderen war das überbordende Werk unlängst einen szenischen Wiederbelebungsversuch...