Unter Kitschverdacht
Am Ende steht ein roter Punkt. Er prangt auf einem überdimensionalen Schwarzweißfoto, das die tote Mimì zeigt. Schon drängen sich die Atelier-Besucher um das Bild der Toten. Das Sterben als Attraktion, als Kunstwerk, als Ware. Tod geht immer gut. Eine sichere Nummer auf jeder Vernissage. Das Bild der Hingegangenen mit rotem Punkt – schon verkauft.
Andrea Moses hat an der Oper Stuttgart «La Bohème» inszeniert. Es ist ihre letzte Arbeit als Hausregisseurin. Vor dem Abschied aus einem Team, in dem sie nie zu ihrer Bestform fand.
Mit dieser «Bohème» setzt Andrea Moses auch selbst einen Punkt, den (vorläufigen) Schlusspunkt unter die Liaison mit einem Theater und Ort, an dem sie nicht wirklich heimisch wurde. Das Premierenpublikum mag das gespürt haben – stürmischer Beifall für eine Sicht auf Puccinis Klassiker, die die Regisseurin zusammen mit dem für seine Schwarzwald-Pop-Art bekannten Offenburger Künstler Stefan Strumbel entwickelte. Eine «Bohème» mit rotem Punkt sozusagen. Eine, die sich vermutlich gut verkaufen wird. Doch hält, was auf den ersten Blick schillert, auch einem zweiten oder dritten stand? Die Produktion zehrt vor allem von Strumbels bizarr-schriller Heimatbilderwelt. ...
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Opernwelt Juli 2014
Rubrik: Panorama, Seite 52
von Alexander Dick
Als eine Art pièce de résistance gilt Brittens «Billy Budd» innerhalb der opernaffinen Queer-Community. Der «schöne Matrose», der alle Bewunderung an Deck eines Kriegsschiffs auf sich zieht, wird gern als Bild latent homosexueller Arbeits- und Lebenszusammenhänge gedeutet. Und entspricht so möglicherweise sogar den Intentionen des Komponisten (dessen Lebenspartner...
Bleich sieht er aus, wenn er so in die Leere starrt. Leise tönt seine Stimme. Mehr singt es aus ihm, als dass er die Initiative ergreifen würde. A-Dur ist plötzlich eine fahle, weiße Tonart und «Là ci darem la mano» alles andere als eine Verführungsnummer. Don Giovanni holt seine Gedanken aus weiter Ferne. Mit der kleinen, drallen Zerlina jedenfalls, deren Augen...
Das schrägste, schmierigste, schaurig-schönste Faktotum dieser «Erzählungen» ist der schlaksige Weißkittel, Doktor Spalanzani. Irgendwo treibt er sich immer herum auf der Bühne des Teatro Real. Manchmal schiebt er eine abgedeckte Leiche quer durch die ranzige Halle, in deren Mitte Aktmodelle für ergraute Eleven posieren, die mit dem Kohlestift die Zeit totschlagen....
