Tiefenbohrung
Sehnsucht nach neuem Musiktheater – das ist in Moskau nichts Neues. Doch auf eine so produktive Spielzeit wie die letzte hat die Stadt lange warten müssen. Jetzt wurden die hochgespannten Erwartungen sogar übertroffen. Zumal die Uraufführungen wirkten wie Kampfansagen der zeitgenössischen Oper an die verhängnisvolle politische Entwicklung Russlands: eines Staates, in dem Krieg und Korruption zu einer Art normalem, kaum mehr in Frage gestellten Background geworden sind. Wir sprechen freilich nicht von direkten Interventionen, sondern von Kritik mit ästhetischen Mitteln.
Zu den wagemutigen Instituten gehört das Kammermusiktheater Boris Pokrowski, das gleich zwei neue Werke herausbrachte. Alexander Manozkows «Titij Bezuprecnyj» («Der unbescholtene Titus») beruht auf dem gleichnamigen Stück von Maxim Kurotschkin (2008), einer Paraphrase auf Shakespeares «Titus Andronicus». Das Thema: die Mechanismen des totalitären Staats. Das Libretto schrieb der Schauspielregisseur Wladimir Mirsojew, die durchdachte, hermetische Partitur verknüpft Schönbergs Zwölftonmusik, indische Raga-Akkorde, an Weill erinnernde Motive und Barock-Reminiszenzen. Musikalisch hebt diese «kosmische Oper» herrlich ab – ...
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Opernwelt September/Oktober 2015
Rubrik: Magazin, Seite 98
von Alexei Parin
Franz Schrekers 1912 uraufgeführte Oper «Der ferne Klang», in der der Komponist Fritz auf der Suche nach dem «rätselhaft weltfernen Klang» seine Geliebte Grete verlässt, das Leben versäumt und die Liebe verspielt, ist ein Schlüsselwerk des Fin de Siècle. Schreker hat in das selbstgedichtete Libretto alles gepackt, was im Wien der Jahrhundertwende aktuell war – den...
Bei der Uraufführung am 28. November 1813 in Neapels Teatro San Carlo sang Isabella Colbran die Titelpartie. Zehn Jahre später gab Giuditta Pasta die korinthische Königstochter in einer überarbeiteten Fassung. Doch bald sollte Simon Mayrs «Medea in Corinto» von Luigi Cherubinis bereits 1797 komponierter «Médée» überflügelt werden – und geriet in Vergessenheit. Ihre...
Wenn ein Darsteller vom Format Jonas Kaufmanns auf der Bühne mitmischt, stehen die Chancen auf Gänsehaut nicht schlecht. Man geht allerdings auch das Risiko ein, dass der Rest der Besetzung verblasst – und genau das geschah jetzt in Orange. Zweieinhalb Stunden lang fragte man sich, warum Bizet seine Oper eigentlich nicht «Don José» genannt hat. Dass ein Charakter...
