Tatort Kanzleramt
Wer die Aktualität eines Bühnenwerks besonders betonen will, lässt es hier und heute spielen – ein recht einfach gestrickter Ansatz, der in Frankfurt momentan groß in Mode scheint. Im Mai war Calixto Bieito mit seiner «Macbeth»-Deutung im geilen Morast einer Bankenzentrale gescheitert, jetzt versuchte es Claus Guth – wieder mit Verdi, diesmal dem «Maskenball». Und: Die Tagespolitik kam seinem Ansatz so gut entgegen, wie es keine Planung hätte bewerkstelligen können.
Die Wahlurnen der Bundestagsnachwahl in Dresden waren gerade geschlossen, als sich der Vorhang in Frankfurt hob, um die «K»-Frage für die Verdi-Oper zu beantworten, die mit Liebe, Eifersucht und Machtkampf in eine Parteizentrale verlegt wurde – samt Wahlplakaten, die den Machthaber Riccardo mit roter Krawatte zeigen. Seine Mörder tragen übrigens gelbe. Die Untertanen sitzen im mittleren Management –, und wenn eine Ehefrau mit dem Freund des Gatten anbändelt und hierfür ein stilles Plätzchen sucht, tut es statt einem Galgenberg auch ein schuttüberladenes Abbruchbüro. Das dämonische Element – von Verdi ohnehin eher eine Behelfslösung für die reichlich abstruse «Boston»-Version – ist eliminiert: Ulrica tritt als – wer ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Nicht erst die Pisa-Studie hat Finnland an die Spitze gebracht, auch der seit dreißig Jahren anhaltende, die Komposition breitenwirksamer zeitgenössischer Oper betreffende Boom ist in diesem Land mit seinen gerade mal fünfeinhalb Millionen Einwohnern bemerkenswert und wird zunehmend auf Bild- und Tonträgern reflektiert – ausschließlich von fast immer exzellenten...
Die Stumme hat viel zu sagen. Schon vom ersten Moment an, da sie – noch während Publikum in den Saal strömt – im bis vor den Orchestergraben reichenden Wohnambiete (Bühnenbild: Utz) einfach nur dasteht wie eine jener menschlichen Statuen, die in den Fußgängerzonen für ein Bakschisch Stille halten. Vor ein paar Jahren in Cardiff war Linda Kitchen eine bezaubernde...
«Opera/Werke», die beim Steirischen Herbst 2005 uraufgeführte mehrtägige «Stadtoper» des Österreichers und Wahlberliners Peter Ablinger, hebt schon im Titel auf die ursprüngliche Bedeutung des Wortes ab und rekurriert gleichzeitig auf die Sparten übergreifende Eigenart des «Gesamtkunstwerks» Oper. Ablinger zerlegt die elementaren Bausteine der Gattung in sieben...
