Strauss: Elektra
Es gerät leicht in Vergessenheit, dass die Titelpartie von Richard Strauss’ «Elektra» nicht nur ein Vehikel für hochdramatische Soprane ist, sondern zu mindestens fünfzig Prozent aus lyrischen Passagen besteht. Nicht nur die durchdringenden «Agamemnon»-Rufe, sondern auch die zaghaft aufblühende Hoffnung der Orest-Szene prägen den Charakter der Atriden-Prinzessin, die bei allem Hass auf ihre Mutter zugleich eine verletzliche Frau ist, für die die Befreiung letztlich zu spät kommt, als dass sie ein neues Leben beginnen könnte.
Es ist diese zartere Seite Elektras, mit der Deborah Polaski in Barcelona am stärksten punktet. Nach verschrammten Höhen und nur mühsam ansprechenden Piani in der Auftrittsszene findet sie im Dialog mit Orest zu warmen, herbstlich abgedunkelten Farben. Plötzlich scheint ein Lebensatem in ihrem Sopran zu pulsieren, der jedoch das Wissen um seine baldige Vergänglichkeit in sich trägt. Dass diese, von marschallinnenhafter Wehmut getragenen Töne wunderbar zu Albert Dohmens viril-stoischem Orest passen, macht die Szene zum unerwarteten Höhepunkt eines Abends, den man beinahe schon abgeschrieben hätte. Denn Guy Joostens Verortung des antiken Dramas im Umfeld von ...
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