Steinerne Tränen
Pling! Klack! Schon während der ersten Dreiklangsschleifen der kleinen Horrorkammer-Oper weint der Schnürboden des winzigen Potsdamer Schlosstheaters versteinerte Tränen. Die Bühne ist leer und schwarz, gerade der rechte Resonanzkasten für Philip Glass’ ohrenfälligen Spuk nach einer Story des Gruselklassikers Edgar Allan Poe. Bleich geschminkte Gesichter schweben im Dunkel, körperlos, maskenhaft, wie Schatten aus der Unterwelt.
Vier Neonstäbe geistern durchs Geschehen, von Pantomimen des Achim Freyer Ensembles in Slow Motion geführt – kalt flammende Unheilszeichen, die mal gefrorene Bilder rahmen oder, zum Kreuz arrangiert, den moribunden Sog markieren, der die Geschichte vom «Fall of the House of Usher» von der ersten bis zur letzten Zeile durchdringt.
Natürlich spielt die stürmische Schreckensnacht, in der für Roderick und seine (von ihm in inzestuöser Zuneigung) verehrte Schwester Madeline das letzte Stündlein geschlagen hat, nur auf den ersten Blick in düsterer Waldeinsamkeit. Der eigentliche Schauplatz dieser Fantasia ist der Kopf. Was Rodericks Jugendfreund William minutiös beschreibt, sind die Umrisse einer Seelenlandschaft, die keine Sonne kennt. Wir schauen in Abgründe, die ...
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Hans Werner Henze, auch beim Verbalisieren fantasievoll, schuf für Kleists Drama «Der Prinz von Homburg» das Bild einer «seidig stählernen Sprache». Dies lässt uns ans «Glühend’ Eis und schwarzer Schnee» Shakespeares aus dem «Sommernachtstraum» denken und ist zugleich eine passende Charakterisierung für eine Kleist-Oper, die ja insgesamt wie eine Concordia discors...
Im Reich der Sinne herrschen offenbar ähnliche Zustände wie in Politik und Gesellschaft: Nicht immer hat der Bessere die größere Lobby. Denn obwohl die Welt gegenwärtig eindeutig das Auge hofiert, scheint das Ohr doch das differenziertere, präzisere Organ. Das Auge schätzt, das Ohr misst, stellte der deutsche Jazzguru und Nada-Brahma-Jünger Joachim Ernst Berendt...
Ausbrüche waren selten bei diesem Dichter der überlegten Überlegenheit und des ausgiebig gemessenen Wortes. Umso mehr dürfte der Freund Carl Friedrich Zelter überrascht gewesen sein, als er jenen Brief öffnete, welchen Johann Wolfgang von Goethe ihm am 24. August 1823 zusandte, nachdem er in einem Konzert die Stimme der Berliner Sopranistin Anna Milder-Hauptmann...
