Spiegel einer Zeit
Neben Frida Leider und Kirsten Flagstad gab es vor achtzig Jahren noch eine weitere bemerkenswerte Interpretin der Isolde: Germaine Lubin (1890-1979). Die Pariserin muss auf der Bühne eine fesselnde Erscheinung gewesen sein, und die wenigen Aufnahmen, die das Label Marston jetzt zu einem Porträt zusammengestellt hat, lassen phänomenale vokale Fähigkeiten ahnen.
Lubin selbst allerdings war mit keiner ihrer Platten zufrieden.
Tatsächlich stellt das Mikrofon einige matte Stellen aus: in erster Linie eine etwas schwergängige Attacke und ein paar zu tief genommene Töne – meist in der Mittellage, die Vollhöhe ist blitzsauber. Doch im Theater dürfte das wenig ins Gewicht gefallen sein, und auch im Fall der Aufnahme ist all das nach wenigen Phrasen vergessen. Zu eindringlich etwa der erste Aufschwung der Arie «Salut, splendeur du jour» aus Ernest Reyers Oper «Sigurd», aufgenommen 1930: Die ekstatische Phonation erinnert an die vibrierende Sinnlichkeit Lotte Lehmanns. Großartig auch die Genauigkeit der dynamischen Gestaltung, die langen Bögen, eine aus der Wortbedeutung entbundene plastische Phrasierung, die ausdrucksvolle, unverbrustete Tiefe, die schallende Höhe.
All das prädestinierte ...
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Opernwelt April 2016
Rubrik: Hören, Sehen, Lesen, Seite 26
von Götz Thieme
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