Solo für Dagmar

Berlin | Komische Oper | Weill: Die sieben Todsünden

Opernwelt - Logo

Wer sämtliche sieben Todsünden benennen kann, kriegt einen Schnaps! Diese Spielregel wäre perfekt als Anleitung für einen alkoholfreien Abend. Denn: Keiner kann es. (Erhöhter Schwierigkeitsgrad: Man sage sie auf Lateinisch.) Dies feststellend, hat man den Sprengstoff, der in Brecht/Weills letzter Zusammenarbeit von 1933 noch immer beschlossen liegt, präzise am Wickel. Das «Ballet chanté», eigentlich eine Kurzoper, wurde von Georges Balanchine mit Lotte Lenya und einer Tänzerin uraufgeführt, die sich die Hauptrolle der schizophrenen Anna teilten.

Sie muss alle sieben Todsünden zugleich begehen und auch verdammen. Denn – so die dialektische Konzeption – Tugenden können wir uns in unserer korrupten Gegenwart nicht mehr leisten. Vormalige Todsünden sind zur stärksten Waffe des modernen Kapitalismus avanciert. Also: Bitte mehr Hochmut, Geiz, Wollust, Zorn, Völlerei, Neid und Faulheit! Als so katholisch versuppt und verdorben wir indes die Todsünden als abgehangene Ideologien abgeschoben haben, so bedenkenswert wären sie heute. Oder sind Hochmut, Zorn und Völlerei nichts Schlechtes?!

Regisseur Barrie Kosky schlägt alle Inszenierungs-angebote des Textes unlustig aus. Er versteckt sich ganz ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt April 2012
Rubrik: Panorama, Seite 35
von Kai Luehrs-Kaiser

Weitere Beiträge
Prima le parole, dopo la musica

Sieht man von Emilio da Cavalieris (im Stil opernhafter, dem geistlichen Inhalt nach aber eher dem, was man später Oratorium nennen wird, zugehöriger) «Rappresentazione di Anima e di Corpo» (1600) ab, war Domenico Mazzocchis «La catena d’Adone» (1626) die erste Oper, die in Rom aufgeführt wurde. Der belgische Bassist Nicolas Achten hat sie nun mit seinem...

Bewundernswert

1590 wurde ein Komponist zum Mörder: Carlo Gesualdo di Venosa war zu Ohren gekommen, dass seine Frau ihn betrüge. Er täuschte einen Jagdausflug vor, erwischte sie mit ihrem Liebhaber in flagranti und tötete beide.

Siebzig Jahre nach dem Doppelmord stilisierte der Librettist Giacinto Andrea Cicognini das Geschehen zu einer 46 Szenen umfassenden «opera tragica». Und...

Französischer Verismo

Die Rezeptionsgeschichte ist eine eigenwillige Diva. Henri Sauguet, 1901 als Henri-Pierre Poupard geboren, gehörte zu den Musikern, die nach dem Ersten Weltkrieg gegen die Generation der Väter rebellierten. Unter dem Einfluss der Groupe des Six – mit Darius Milhaud verband ihn früh eine enge Freundschaft – gründete er 1920 in seiner Heimatstadt Bordeaux eine eigene...