Seufzer im WC

Donizetti: Lucrezia Borgia Sankt Gallen / Theater

Opernwelt - Logo

Eine Teufelin? Eine skrupellose Giftmischerin? Auch das ist Lucrezia Borgia. Doch vor allem ist sie unglücklich. Verheiratet mit einem brutalen Machtmenschen und Mutter eines verheimlichten unehelichen Sohns, dessen Liebe sie sucht, obwohl sie ihm die Wahrheit nicht sagen kann. Am Theater St. Gallen hat der Regisseur Tobias Kratzer Donizettis Stück auf die Bühne gebracht. Während der Ouvertüre zeigt er Lucrezia am Toilettenfenster, wo sie sich fortträumt aus dem goldenen Käfig ihrer Ehe mit Alfonso. Mit dem gleichen Bild endet die Aufführung.

Doch jetzt ist sie am Rand des Wahnsinns: Um sich für eine öffentliche Demütigung zu rächen, hat sie eine Clique junger Männer in die Falle gelockt und vergiftet; zu spät erkennt sie, dass sich ihr Sohn Gennaro unter den Opfern befindet.

Der von Rainer Sellmaier entworfene Bungalow steht irgendwo im heutigen Italien; Alfonso ist ein Industrieller, vielleicht auch ein Mafiaboss. Der einstöckige Bau lässt sich drehen, so dass die großen Fenster den Blick in unterschiedliche Räume freigeben. Drinnen Designermöbel und zeitgenössische Kunst. Ein Blutfleck unter dem Teppich deutet auf die Verbrechen, mit denen Alfonsos Macht und Reichtum erkauft ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Mai 2015
Rubrik: Panorama, Seite 47
von Alfred Ziltener

Weitere Beiträge
Symphonisch gesteigerter Racheschrei

«Ein Krampf. Ein Schreck. Ein Händedruck.» Es ging um die Uraufführung von Hugo von Hofmannsthals «Elektra», und der Kritiker Alfred Kerr dichtete Schlagzeilen.

Dabei reimte er freilich auf Druck Gluck. Doch die Musik des Ritters war ein Lüfterl im Vergleich zum Orkan, der noch kommen sollte: Richard Strauss funktionierte das Schauspiel, das im Zeichen der...

Fantastik, Groteske, Poesie

Ein musikalischer Senkrechtstarter! Darüber war man sich 1964 in Budapest bei der Uraufführung von Sándor Szokolays «Bluthochzeit» («Vérnász») einig. In Ungarn wurde das Werk in der Tat alsbald zum Repertoirestück, brachte es allein in den ersten fünf Jahren auf mehr als 50 Reprisen. Aber der Höhenflug dieser ersten Oper des jungen Komponisten beschränkte sich auf...

Banalität des Bösen

Auf der Webseite der Amsterdamer Oper verspricht der PR-Trailer für «Macbeth» ein grausames, blutiges Spektakel. Tatsächlich aber fließt auf der großen Bühne am Waterlooplein in Andrea Breths Deutung von Verdis furioser Shakespeare-Adaption nicht ein einziger Tropfen Theaterblut – das Bestialische des Mordreigens wird in Amsterdam systematisch ausgeblendet....