Schuld und Ranküne
Wo auch immer in den letzten Jahren der einst von der Zensur behinderte, von Verdi verschiedentlich umgearbeitete, vom Opernbetrieb lange vergessene «Stiffelio» auftauchte, erregte er Erstaunen und Bewunderung. Die 1850 in Triest uraufgeführte Oper brilliert nicht mit exotischen oder spektakulären Schauplätzen. Auch nicht, wie «Macbeth», mit einem berühmten Sujet. Vielmehr spielt sie im abseitigen Milieu einer (als deutsch markierten) evangelikalen Freikirche oder Sekte eine psychologische Versuchsanordnung durch.
Der Zusammenprall von Christentum und Sex mobilisiert schärfste Gefühlserregungen: Eifersucht, Wut, Rachedurst, Reue. Melodische «Reißer» wie «Rigoletto», «Il trovatore» oder «La traviata» enthält die Partitur vielleicht nicht, wohl aber eine Fülle feinschattierter oder großbogig angelegter Arien und Szenen.
Atemraubende Höhepunkte bringt namentlich der zweite Akt mit einem glühenden Vokalquartett, bei dessen Peripetie der Chor einsetzt und eine «transzendierende» Klangschicht hinzufügt (denselben Kunstgriff setzte Verdi dann auch im «Trovatore» ein). Hier schickt sich der unter Eifersuchtsqualen taumelnde Pastor Stiffelio gerade an, seinen Nebenbuhler Raffaele ...
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Opernwelt März 2016
Rubrik: Panorama, Seite 41
von Hans-Klaus Jungheinrich
Viele Jahre sprang an Berlins Staatsoper René Jacobs mit Barockopern in die Bresche, wenn Daniel Barenboim mit der Staatskapelle auf Reisen ging – und triumphierte. Verflossene Zeiten. Diesmal, das Orchester weilte in Japan, zelebrierte man im Ausweichquartier Schiller Theater den «Mord an Mozart»: ein extravaganter Musiktheater-Versuch, eine Collage aus...
Ein leises Rauschen flutet den Saal, es ist kaum zu hören. Alles fließt. Woher kommen diese sanften, unsichtbaren Wellen? Aus dem planen, grünblauschwarz schimmernden Firmament? Von den elf kalt leuchtenden Röhren, die wie Brennstäbe das minimalistische Bühnenbild durchstechen? Oder von der erhöhten, leicht gekippten Glasscheibe und dem fragilen Stelzensteg, der...
Die wichtigste Sängerin in Verdis Leben nach Giuseppina Strepponi, der ersten Abigaille im frühen «Nabucodonosor», war die aus der Nähe von Prag stammende Teresa Stolz(ová). Bei den Proben zu «Aida», in der sie 1872 die Titelrolle sang, und zur «Messa da Requiem» kam ihr der Komponist so nahe, dass Strepponi, nach langen Jahren als Konkubine schließlich Verdis...
