Schuberts Dämonen
In «Die Dämonen» berichtet Heimito von Doderer von einer Person, in der «Meuterei ausgebrochen» sei, «ein Rückzug von all dem Leben und Gewimmel rund um sie, das so vielfach an ihren zahlreichen Traurigkeiten und Niedergeschlagenheiten kalt vorbeigebraust war». Von Franz Schubert ist an dieser Stelle nicht die Rede, doch könnte man dies durchaus auf ihn beziehen; ja, es klingt nachgerade so, als hätte Doderer, als er das schrieb, gerade Schuberts schwermütig getöntes C-Dur-Streichquintett gehört.
Eventuell auch in der Interpretation von Quatuor Ebène – falls man im Himmel Platten hört. Es wäre passend, denn die Interpretation der jungen Franzosen ist, wie man so sagt, «himmlisch», geht unter die Haut, bringt uns aber auch die Hölle Schuberts in dessen letztem Lebensjahr nahe, lässt die Dämonen dieser Musik spüren. Die vielseitigen jungen Herren, gelegentlich auch im Pop-Bereich tätig und in dem Zusammenhang einmal als «Boygroup der Streichquartettszene» etikettiert, liefern hier (verstärkt durch den Cellisten Gautier Capuçon) einen interpretatorischen Präzedenzfall dieses so fordernden Werks.
Für das dritte Drittel des Albums steuert dann Matthias Goerne fünf Lieder bei. Auch in ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt Juni 2016
Rubrik: Hören, Sehen, Lesen, Seite 28
von Gerhard Persché
Die Rolle passt ihr wie ein Handschuh, sagte Jonas Kaufmann kurz vor der Münchner «Manon Lescaut»-Premiere im November 2014, nachdem Anna Netrebko die Titelpartie geschmissen hatte und Kristine Opolais für sie eingesprungen war. Opolais und Kaufmann hatten das vom Abbé Prévost literarisch und von Puccini musikalisch ausgeformte Liebespaar zuvor bereits am Royal...
Für Musik vor 1800 ist «historisch informierte» Aufführungspraxis längst zur Selbstverständlichkeit geworden. Mozart-Rezitative vom Konzertflügel begleitet, Händel-Streicher mit sattem Dauer-Vibrato, Bach-Cembalokonzerte auf dem Steinway: undenkbar.
Dabei scheinen der Annäherung an die Vergangenheit im Detail keine Grenzen gesetzt. Wo die einen auf bestimmten...
Zu den Schlüsselwerken von Hans Werner Henzes neuem Vokalstil nach seiner Übersiedlung nach Italien Mitte der 1950er-Jahre gehört die 1958 entstandene «Kammermusik» über Hölderlins Hymne «In lieblicher Bläue» für Tenor, Gitarre, Klarinette, Fagott, Horn und fünf Streicher. Der Komponist beschwört in diesem dreiviertelstündigen Werk, dem er später noch einen...
