Schönheitssucher, Künstlerfürst, Veränderer
Biografisch-kalendarische Parallelen verweisen manchmal – über den puren Zufall hinaus – auf fundamentale Analogien oder Gegensätze. Wenn nun der hundertste Geburtstag von John Cage und der Tod von Hans Werner Henze so nahe beieinander liegen, so lässt dies über etwaige Zusammenhänge reflektieren. Wobei evident scheint, dass beide Komponisten so epochale wie polare Erscheinungen waren. Und rasch ist man mit der Zuschreibung bei der Hand: Cage sei eben typisch «amerikanisch» gewesen, also unkompliziert und kaum durch Traditionen geprägt.
Ganz falsch ist dies zwar nicht; doch wer Amerika ein wenig kennt, wird gemerkt haben, dass es dort weit mehr historische Regelwerke und Konventionen gibt, als man gemeinhin annimmt. Und nicht wenigen, die da meinten, mit angeblich yankeehafter Unbekümmertheit auftreten zu sollen, war ein bitteres Erwachen beschieden. Gerade bei Cage gibt es eine nicht zu unterschätzende genuin europäische Komponente, futuristische und besonders dadaistische Einflüsse. Trotzdem bleibt Cages Credo bestehen: Jeder sollte das Recht haben, so wenig wie möglich beeinflusst zu werden. Zumindest das Übergewicht des 18. und 19. Jahrhunderts galt es für ihn zu relativieren.
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Opernwelt Dezember 2012
Rubrik: Nachruf, Seite 54
von Gerhard R. Koch
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