Sakrileg

Die Opera Vlaanderen wagt sich an Jonathan Littells umstrittenen Roman «Les Bienveillantes», mit Musik von Héctor Parra, auf ein Libretto von Händl Klaus, in einer das Inzest-Motiv fokussierenden Inszenierung von Calixto Bieito

Opernwelt - Logo

Als 2006 bei Gallimard Jonathan Littells Roman «Les Bienveillants» erschien, ging ein hörbares Raunen durch die literarische Welt. Nicht nur hatte der amerikanische Schriftsteller das mehr als tausendseitige Werk auf Französisch geschrieben (was ihm den «Prix Goncourt» eintrug), er war zudem so kühn gewesen, eine Art Tatsachenbericht mit fiktionalem Einschlag über den nationalsozialistischen Terror zu verfassen, welcher minutiös und, wie mancher Beobachter meinte, beinahe genussvoll-voyeuristisch die Gräueltaten der Nazis schilderte.

Der eigentliche coup de literature aber bestand darin, dass Littell die nüchtern-analytische Perspektive eines gebildeten SS-Offiziers wählte, um das Unbeschreibliche in Worte zu kleiden. Und so authentisch wirkte diese distanzierte Darstellung, dass man beim Lesen nie das Gefühl  loswurde, als sei dieser Maximilian Aue, ein habilitierter, musisch begabter Wissenschaftler, tatsächlich an all den Orten gewesen, die der Roman aufsucht.

Die Reaktionen auf das Mammutwerk waren entsprechend geteilt. All jene, die nach wie vor Adornos Verdikt anhingen, nach Auschwitz sei es barbarisch, auch nur ein Gedicht zu schreiben, schäumten, weil «Die Wohlgesinnten» ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Juni 2019
Rubrik: Im Focus, Seite 18
von Jürgen Otten

Weitere Beiträge
Schamlos erotomanisch

Zum fiebrig filigranen Orchestervorspiel ringt ein Menschenknäuel auf einer Halbkugel. Sie erinnert an die Neu-Bayreuther Weltenscheibe, wuchtig wölbt sie sich gen Himmel. Bald sehen wir ein männliches Paar, das sich gar schmerzlich voneinander löst. Der eine gleicht einem buckligen Rigoletto oder Alberich, der andere, mit seinen ausstaffierten Schulterpolstern,...

Schwankende Schwermut, reines Vergnügen

«Reason in madness» nennt die Sopranistin Carolyn Sampson ihr neues Liedalbum. Das nimmt Bezug auf einen Aphorismus von Friedrich Nietzsche: «Es ist immer etwas Wahnsinn in der Liebe. Es ist aber auch immer etwas Vernunft im Wahnsinn.» Ausgehend von Shakespeares Ophelia greift Sampson hier musikalische Psychogramme des weiblichen Wahnsinns auf. Vertonungen oder...

So seicht, so leicht

Den Anfang machte Cecilia Bartoli. Als sie 2003 ihr Salieri-Album herausbrachte, ging mit der Bewunderung für die vokale Virtuosität der italienischen Mezzosopranistin ein generelles Umdenken in der Causa Antonio Salieri einher. Mehr und mehr verblasste der (durch Miloš Formans Film «Amadeus» ins öffentliche Denken implantierte) Mythos einer eifersüchtigen...