Rückzug auf Raten
Anne Sofie von Otter in strengem Schwarz mit Gretchenfrisur als L’Opinion publique konnte dieses Jahr im Salzburger «Orphée aux enfers» mit der speziellen Sympathie des Publikums rechnen. Doch die «Öffentliche Meinung» schien auch an der Salzach weit über Offenbachs Opéra-bouffon hinaus wirksam. Sind ihre eigentlichen Spiel- und Jagdwiesen nun doch – es lebe die Raute – Twitter & Co.
Wie eben das Phänomen #MeToo (das im Übrigen auch in von Otters Privatleben verhängnisvoll eingebrochen war, hatte sich ihr Gatte, Schauspielintendant Benny Fredriksson, im vergangenen Jahr nach einem auf haltlosen Anschuldigungen basierenden «Shitstorm» gegen seine Person doch das Leben genommen). In diesem Sommer nun geriet Plácido Domingo ins Visier, der Tenorissimo, Maestro, Sovrintendente und inkriminierte Don Juan. Zunächst waren es laut Associated Press elf Frauen, die ihm konkret sexuelle Belästigung oder Missbrauch vorwarfen. Durfte man in Salzburg in diesem Zusammenhang etwa auch an das Genie Amédée und das von ihm in Musik gesetzte Manifest der Lendenstärke, die Registerarie, denken? «Purché porti la gonnella, voi sapete quel che fa ...»?
Auf jeden Fall hatten, wie bekannt, die San ...
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Opernwelt November 2019
Rubrik: Magazin, Seite 71
von Gerhard Persché
Orhan Pamuk war nicht da. Dabei hätte er all den nützlichen und weniger nützlichen Nippes, all die Liebesgeschichten, die sich aus den objets trouvés herausschälten, gut gebrauchen können für sein «Museum der Unschuld». Wobei das mit der Unschuld so eine Sache ist. Genau darum nämlich geht es nicht in «All the good» von Jan Lauwers, das dieser mit seiner...
Die Kunst ist krank. Seit sie das klassische Gleichgewicht aus apollinischem Formempfinden und dionysischer Maßlosigkeit zugunsten Letzterer eingebüßt hat, verzehrt sie sich – und mit ihr die Schöpfer, mitunter gar die singenden oder dirigierenden Nachschöpfer des Entgrenzten, des Unbedingten, des Rauschhaften. Richard Wagners sich im «Tristan»-Akkord...
Was wohl der weise wie menschenkundige Doktor Marianus zu dieser Szene am Beginn des vierten Akts von «Les Indes galantes» anmerken würde? Er würde vermutlich schweigen, schmunzeln und sehr sanft sein Haupt schütteln. Denn rein gar nichts ist hier von jener reinen Minne zu spüren, die Marianus in der Bergschluchten-Szene aus Goethes «Faust II» besingt, von jener...
