Rätselhaft anrührend
In der Berliner Staatsoper sieht man fast nur noch belanglos-dekorative Produktionen. Im Alten Orchesterprobensaal dagegen, Ort für kleinere Projekte, schießt man oft übers Ziel hinaus: Hier wird auf eine Weise experimentiert, dass man sich vor allem mit Rätseln konfrontiert sieht, mit einem Überschuss an Absichten, die szenisch selten genügend Schlagkraft entwickeln.
Anlässlich seiner Barocktage hatte das Haus nun bei der Multimedia-Künstlerin Letizia Renzini im Zusammenhang mit der Berliner Premiere von Alessandro Scarlattis (an der koproduzierenden Opéra national de Paris bereits gezeigtem) «Il primo omicidio» eine Arbeit zu dem Komponisten in Auftrag gegeben: «Love, you son of a bitch». Tatsächlich gibt es von Scarlatti eine Kantate, in der die Liebe als Hurensohn bezeichnet wird, quasi als Prolog zu einer Klage über unerwiderte Gefühle. Das Übliche also. Und üblich ist auch, was Renzini als Thema ihres Projekts benennt: Liebe in Zeiten des Kapitalismus, des quantifizierten, um Optimierung bestrebten Selbst, der marktförmigen Erotik – Topoi, die Eva Illouz in ihren Büchern um einiges intensiver bearbeitet hat, als es einem gut einstündigen Musiktheaterprojekt möglich ist.
Betra ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt Dezember 2019
Rubrik: Panorama, Seite 32
von Peter Uehling
Forschend blickt Christian Gerhaher auf dem Cover dem Betrachter ins Auge, an einen aufmerksamen Psychiater gemahnend. Wer könnte der Patient sein? Robert Schumann selbst? Clara? Wohl sind die «Myrthen», op. 25, die der Komponist seiner geliebten Braut 1840 am Vorabend der Hochzeit metaphorisch ins Haar wand, «eines der schönsten je einem liebend geliebten...
Ochi Chernye», das Lied von den «Schwarzen Augen», dient nicht nur als Code, unter dem der sich als russischer Ballerino ausgebende Fred Astaire in «Shall We Dance» seine Ginger wiederfindet, sondern ist zugleich ein melancholischer Fokus russischer Identität. So überrascht denn doch ein wenig, dass Ildar Abdrazakov mit dieser Nummer (vom Galakonzert unter Valery...
Chaya Czernowin
Auch in ihrem neuen Stück, das an der Deutschen Oper Berlin uraufgeführt wird, unternimmt die israelische Komponistin eine Reise ins Innerste des Menschen: Ihr Musiktheater mit dem Titel «Heart Chamber» versteht sich als eine «Erforschung der Liebe» im 21. Jahrhundert. Claus Guth führt Regie, Johannes Kalitzke dirigiert, wir hören hin
Lorenzo...
