Porträt des Künstlers als alter Mann

Peter Härtlings Verdi-Fantasie bleibt blass – und wiederholt unhaltbare Klischees

Opernwelt - Logo

Der langen Reihe seiner Romanbiografien über Dichter und Komponisten des 19. Jahrhunderts hat Peter Härtling ein schmales Buch über Verdi hinzugefügt. Auch diesmal geht es ihm nicht um sachliche Lebensbeschreibung, sondern um deren literarische Anverwandlung, für die er sich die Bausteine aus Verdis Leben herausbricht.

Er setzt ein mit der Verunsicherung Verdis, der nach der «Aida» auf der Höhe seiner Kunst wie seines Ruhms sich mit dem Streichquartett und dem Requiem in weit von der Oper abliegende Gefilde verlor und danach auf Jahre verstummte.

Lose gereiht, in Sprüngen, skizzenhaft folgt Härtling der Lebens- und Schaffenslinie bis zu den späten «Pezzi sacri» und Verdis Tod. Er bedient sich dabei der Projektionsmöglichkeit des konjunktivischen Schreibens, vermischt wirkliche mit fiktiven Fakten, wobei die wirklichen allerdings oft verzerrt werden. Was erzählerisch legitim sein mag, stellt den Recherchen des Autors gleichwohl ein schlechtes Zeugnis aus. Noch irritierender wirkt das seltsam Ungeerdete des Textes, oft klingt er geradezu sprachlos, weil ihm Atmosphäre, Farbe, Boden, Ton fehlen – jene Zutaten also, die Härtlings Bücher über Hölderlin, Mörike, Schubert oder Schumann so ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Dezember 2015
Rubrik: Hören, Sehen, Lesen, Seite 30
von Uwe Schweikert

Weitere Beiträge
Hanseatischer Akzent: «La belle Hélène» aus Hamburg

Die Offenbach-Produktion, mit der Simone Young im Herbst 2014 ihre letzte Hamburger Spielzeit eröffnete, war ein großer Publikumserfolg (siehe OW 12/2014). Die Veröffentlichung auf DVD ist eine willkommene Alternative bzw. Ergänzung zu der Pariser Produktion (2000) unter Marc Minkowski und Laurent Pelly (Arthaus). Das französische Duo Renaud Doucet (Regie und...

Mit Fernbedienung: Marthalers «Hoffmann» aus Madrid

Er ist in vielem fragwürdig, zugleich aber hintergründig faszinierend, dieser «Hoffmann» aus Madrid (siehe OW 7/2014). Musikalisch fällt das Arrangement des Quellenmaterials durch Sylvain Cambreling mit den nachkomponierten Rezitativen Ernest Guirauds noch hinter die überholte Oeser-Fassung zurück. Szenisch lässt Christoph Marthaler in der Schwebe, ob Hoffmann...

Musterhaft dosiert

Nicht dass er unzufrieden wäre mit seiner Karriere. Aber eine Sache wurmt Mariss Jansons schon: Oper, die hätte er gern häufiger dirigiert. Vieles spielt da eine Rolle. Gewiss sein Herzinfarkt 1996 während einer «Bohème», aber auch sein Hang zum Kontrollator – der 72-Jährige fühlt sich unwohl, wenn er nicht Herr selbst der kleinsten Dinge ist. Im aufwendigsten...