Nahe am Wahnsinn

Heidelberg, Tschaikowsky: Eugen Onegin

Opernwelt - Logo

Das Publikum der Volksbühne strömt kräftig schon zur Einführung: Man hat vom Buh- und Bravo-Kampf der Premiere gehört und will mitreden können. Und diskutiert wird viel in der Pause und nach der Aufführung – die Meinungen schwanken zwischen Ablehnung und glühender Begeisterung. Ablehnung, weil die Ästhetik der Bühne den lieb gewordenen «Eugen Onegin»-Kitsch gar so grausam konterkariert. Begeisterung gibt es für die konzise Personenführung und ein großes Wagnis. Tschaikowsky schrieb den Onegin in zeitlicher Nähe zur 4. Symphonie.

Und in seinem Text zum Finale der Vierten gibt der Komponist ein Programm vor, das eben für diese Onegin-Deutung herhalten soll (und kann).
Regisseur Benedikt von Peter verpflanzt das Stück auf einen Jahrmarkt in real-sozialistischer Tristesse, wo Tatjana und Eugen die Outcasts sind und in ihrem Suchen nach dem romantischen Glück nur die Unmöglichkeit der Liebe erfahren. Ein Leitmotiv, das Thema: Wer immer auf der Bühne von Liebe träumt oder sich Illusionen hingibt, zieht eine Maske über, die an russische Matrjoschka-Puppen erinnert. Das Auf- und Ab dieses Maskentheaters könnte nerven – tut es aber nicht: Eine strikte Choreografie gibt dem Abend eine ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt August 2008
Rubrik: Panorama, Seite 52
von Claus Ambrosius

Vergriffen
Weitere Beiträge
Scheidung in hohen Tönen

In der Regel singt der Mensch, um einen außerordent­lichen Gefühlszustand auszudrücken – ein Umstand, den sich der Kunstgesang zunutze macht, speziell in der Oper. Wenn einer nun «Bitte ein großes Bier» schmettert, so handelt es sich entweder um einen säumigen Vokalisten, der die Bestellung in der Kantine dazu benutzt, um sich für die Probe einzusingen. Oder aber...

Traumrolle David

Wie bringt man es vom Statisten eines Dresdner Operettentheaters zum Kammersänger der Berliner Staatsoper und zum Kunst- und Nationalpreisträger? Harald Neukirchs an künstlerischen Höhepunkten reiche Karriere gibt auf diese Frage eine Antwort: Neben dem Geschenk einer ausdrucksvoll timbrierten hohen Tenorstimme mit ihrer bis ins Alter hinein jugendlichen...

Es gibt kein Entrinnen

Niemand wird bei einer «Jenufa»-Produktion ernstlich die klappernde Mühle am rauschenden Bach erwarten, obwohl sie bei den recht zahlreichen Inszenierungen der jüngsten Zeit immer mal wieder vorkam. Auch in Mannheim wird sie zitiert – aber dann gleich vervielfacht: Achtzehn kleine Mühlsteine, im Kreisrund aufgebaut wie ein Gralstempel für «Parsifal», sind die...