Musikalisch ein Glücksfall
Je länger diese Aufführung dauert, desto stärker keimt ein Verdacht: Womöglich hat man sich bei Wagners «Tristan und Isolde» schon an zu viel gewöhnt. An Dirigenten, die ihr Heil im effektvollen Ertrinken und Versinken suchen und darob ihren Job als strenger Steuermann vergessen. Auch an Orchester, die willig und billig alles mit Emotion fluten, wo doch minutiöse Abstufung und trennscharfes Agieren gefragt wären. Vor diesem Hintergrund ist dem Theater Augsburg ein imponierendes Statement gelungen.
Generalmusikdirektor Dirk Kaftan, in seiner zweiten Saison längst zum Publikumsliebling und zum Energiezentrum des Hauses geworden, glückt dabei mit dem Philharmonischen Orchester eine wundersame Gratwanderung: ein «Tristan» zwischen temperamentvoller Entfesselung und reflektierter Kontrolle. Eine Deutung, die vor allem eines ist: genau gespielt und detailbewusst organisiert wie unter einer überscharfen Linse. Kein Bläserakkord sucht sich da klappernd erst zusammen, jeder Streicherstrom wird kanalisiert und energiereich phrasiert. Der Klang ist prägnant gefasst, geschlossen, klug balanciert. Die Temporelationen stimmen, Übergänge ereignen sich präzise und logisch. Und anstatt die Sänger im ...
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Opernwelt Mai 2011
Rubrik: Panorama, Seite 38
von Markus Thiel
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Vivi, tiranno: Bertarido hat gerade das Leben des Usurpators Grimoaldo gerettet, dennoch erwartet er den Tod. Seinen Zorn entlädt er in heftigen Wutaffekten und Koloraturkaskaden. Darin lässt Bejun Mehta, zur Zeit quasi der «King» der Counters, sich nicht lumpen: Kristallklar und gestochen kommen sie, technisch makellos gebändigt trotz aller Intensität. Freilich,...
«Trau keinem über dreißig!», war die Devise der Achtundsechziger. Die aufbegehrenden Studenten wussten, welch reaktionäre Seilschaften hinter den Kulissen manch altehrwürdiger Institutionen immer noch ihr Unwesen trieben. Die Verfehlungen der Vergangenheit sollten aufgedeckt werden, ebenso deren Weiterwirken; es galt, die Fassaden der Macht zu brechen. Dass die...
