Musik sichtbar machen
Wie die Beschäftigung mit Historischer Aufführungspraxis in Frankreich eine lange Tradition hat und das Publikum Alte Musik vergöttert, gehören frankophone Regisseure neben ihren akademischen Kollegen von den amerikanischen performance practice studies der 1980er-Jahre zu den Pionieren einer Historischen Aufführungspraxis der Szene. Kein Wunder, dass nun ein umfangreiches Handbuch zur Bühnenpraxis um 1900 von dort kommt.
Es wertet die reichen Quellenbestände der Pariser Oper aus, richtet den Blick zu Vergleichszwecken aber auch auf die Opéra Comique, wo Albert Carrés «realistische» Bühnenreform europaweit Schule machte, sowie auf Brüssel und Genf. Dass man durch das Studium der Zutaten eine Inszenierung des 19. Jahrhunderts genauso wenig wird wiederbeleben können, wie man durch das Studium eines Kochbuchs ein genialer Koch wird, liegt auf der Hand und wird von niemandem bestritten. Es ist auch fraglich, ob man etwa die schematische Anordnung des Chores überhaupt «rekonstruieren» will. Dennoch vermittelt der leicht lesbare und mit über 550 Abbildungen illustrierte Band Regisseuren und Opernliebhabern detaillierte Kenntnisse, die uns die theaterpraktischen Prämissen des gesamten ...
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Opernwelt Juni 2013
Rubrik: Hören, Sehen, Lesen, Seite 32
von Boris Kehrmann
Manche Dirigenten leisten den Mammutteil ihrer Arbeit in den Proben, setzen im Konzert sozusagen nur noch das i-Tüpfelchen auf. Nicht so Claudio Abbado. Nicht selten hat er Musiker verärgert, weil sie in den Proben einfach nicht wussten, worauf er hinauswollte, weil er nichts verriet, sie einfach spielen ließ. Aber im entscheidenden Moment setzt sich dann plötzlich...
Man kann den Mozart ändern, wenn man ihn ändern kann. Brechts auf Shakespeare gemünztes Diktum konnte einem beim neuen Basler «Idomeneo» in den Sinn kommen. Freilich wird dort zunächst nicht geändert, sondern hinzugefügt: die Video-Beiträge des auch an der Ausstattung beteiligten Falko Herold. Schon während der Ouvertüre der imaginierte Kriegsverlauf: Puppen,...
Im zweiten Jahr des Ersten Weltkriegs, 1915, beendete der Wiener Akademielehrer Franz Schreker seine Oper «Die Gezeichneten». Was er hinter der Maske der italienischen Renaissance, im alten Genua, an Personal vorführte, waren die Protagonisten seiner eigenen habsburgischen Umwelt, in der sich Biederkeit und Ausschweifung, zackige Männlichkeit und Psychoanalyse...
