Musik ist mein Drogenersatz

Christine Schäfer hat nicht als erste Frau die «Winterreise» eingespielt. Aber als Erste seit Langem. Ein Gespräch über Schubert als Protest, gruslige Volkslieder und Musik als Seelenöffner.

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Frau Schäfer, die «Winterreise» ist einer der bekanntesten deutschen Liederzyk­len, eine hochromantische Hausmusik. Ist er auch so etwas wie die Oper des Bürgertums?
Die «Winterreise» ist genau das Gegenteil, eine kompromisslose Abrechnung mit spießigen, bürgerlichen Konventionen. Und dabei gibt es kein Wenn und kein Aber, es geht um Leben und Tod. Für mich ist es bürgerliche Arroganz, die wunderschöne musikalische Oberfläche zu konsumieren und dabei zu ignorieren, dass es sich um eine tief greifende Anklage handelt.



Gibt es diese biedere Gesellschaft, der in der «Winterreise» der Prozess gemacht wird, in unserer individualisierten Gegenwart überhaupt noch?
Das Problem ist ja, dass die Individua­lisierung zur schlimmsten kollektiven ­Bewegung geworden ist. Der Wanderer der «Winterreise» besucht unterschied­liche Orte und nimmt selbst im Wirtshaus noch alles hundertprozentig wahr. Er hat eine Charaktereigenschaft, die bis heute selten ist: das stille, interessierte Beobachten. Ich wohne in Berlin und wer­de dauernd auf diese Promi-Partys eingeladen, auf denen ich dann herumstehe wie ein Außerirdischer. Es geht nur noch darum, wer erfolgreicher ist, wer wo wie viele Wohnungen hat und ...

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Opernwelt September/Oktober 2006
Rubrik: Magazin, Seite 49
von Axel Brüggemann

Vergriffen
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