Musik ist eine geduldige Kunst
Die Aufführung begann um fünf nach vier am Nachmittag. Als nach dem ersten Akt der Applaus einsetzte, war es fünfundreißig Minuten nach fünf, ohne dass unsere Uhr ihren Geist aufgegeben hätte. Das ist natürlich keine präzise Zeitmessung, aber doch eine verblüffende Erkenntnis und sehr wahrscheinlich ein Rekord. Schneller ist der Gral noch nie enthüllt worden – nicht nur der Gral als Kelch, sondern auch Parsifal als Gral von Wagners Gesamtkunstwerk. Vor dem zweiten Akt waren wir ins Kollegengespräch vertieft und haben den Blick auf die Uhr verpasst.
Vor dem dritten Akt war er dafür umso genauer: Sieben Minuten vor acht begann es, Schluss war 62 Minuten später. Dieser dritte Akt mit seiner Erlösungsgloriole geht, wie man weiß, auch in 80 Minuten. Und der erste Akt kann im Extremfall zwei Stunden dauern.
Ist das alles wichtig? Ist es nicht stupide und bloß ein alter Sport alternder Wagnerianer, beim Parsifal die Aktlängen zu messen? Kommt es nicht viel mehr auf die Proportionen der Tempi untereinander an als auf die Gesamtdauer? Klar kommt es das. Aber man braucht die Frage nur ein bisschen zu drehen, und schon macht sie Sinn. Was ist das für eine Musik, die insgesamt fünf Stunden ...
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Opernwelt März 2013
Rubrik: Im Focus, Seite 4
von Stephan Mösch
Fesch sind sie beide, doch in ihrer Erscheinung unterscheiden sie sich deutlich: Klaus Florian Vogt, der blonde deutsche Held, und Jonas Kaufmann, der «Latin Lover» aus München. Ihr Singen entspricht dem äußeren Bild: Hell, fast weiß – für seine Fans wie Sekt, für weniger Begeisterte wie Selters – klingt die Stimme Vogts; jene Kaufmanns hat die rubinrote Farbe...
Mitunter überlebt Vergessenes oder Ausgeblendetes nahezu unbemerkt in Werken, die längst zum Kanon gehören. Wie jenes Zitat aus dem sechsten der Acht Lieder op. 6 (1903), das Schönberg in seinem 1924 unter Leitung Zemlinskys in Prag uraufgeführtem Monodram Erwartung op. 17 (1909) verwendet. Adorno hat in der Philosophie der neuen Musik darauf hingewiesen. Nun...
Meyerbeer starb während der Proben seiner Oper L’Africaine. So will es eine weit verbreitete «Homestory», die vom letzten Atemzug weiß, mit dem das Meisterwerk vollendet wurde. Sie setzte sich durch. Leider. Und so war lange und vielfach zu lesen, der am 2. Mai 1864 verstorbene Komponist habe ein Werk hinterlassen, das nur noch zu Ende geprobt und mit dem an der...
