Mitten unter uns
Der Glaube an die bewusstseinsverändernde Kraft des Theaters hat seine besten Tage hinter sich. Die aristotelische Katharsis, das Lessing’sche Vertrauen in die sittliche Wirkung der Empathie, der Schiller’sche Ruf nach der Schaubühne als moralischer Anstalt – all das kommt uns heute wie Schnee von gestern vor. Aus vielen Gründen. Vor allem wohl, weil die Bühne Anfang des 21. Jahrhunderts als Forum der Verständigung über Individuum und Gesellschaft nur noch eine Nebenrolle spielt.
Die antiken Götter sind entmachtet, die Rebellion des (längst seinerseits erodierenden) Bürgertums gegen die Aristokratie ist erledigt. Und das, was man demokratische Teilhabe nennt, ist aus Parlament und Parkett auf den Bildschirm abgewandert, in die Talkshows des Fernsehens oder die (Chat-)Foren des Internets. Auf der Strecke blieb dabei nicht zuletzt die Vision eines politischen Theaters, das – im Geiste Bert Brechts und Antonio Gramscis – von einer Revolution in den Köpfen träumte, die am Ende eben doch zu der von Marx prognostizierten radikalen Umwälzung der sozialen Verhältnisse und zum Ende der «Vorgeschichte» führen werde.
In dieser Tradition stehen die beiden Bühnenwerke Luigi Nonos: «Intolleranza ...
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Die Inszenierungen von John Dew waren einst ebenso berühmt wie umstritten für ihre aktualisierenden Konzeptionen. Doch basierten sie nie auf platter Gleichsetzung, machten vielmehr Gegenwart auf Historie oder Mythos hin transparent: Sie zielten auf Vergegenwärtigung im umfassenden Wortsinne. In seiner aktuellen «Fidelio»-Produktion ist davon nur noch ein...
Für die «Zauberflöte» hat sich René Jacobs viel Zeit genommen. Papageno, Pamina & Co., so schien es, lagen außerhalb der Reichweite eines Musikarchäologen und Dirigenten, dessen interpretatorische Fantasie sich eher aus dem Geiste Monteverdis und der Seria speiste. Das belegen nicht zuletzt seine legendären Exegesen von Mozarts «Figaro», «Così» und «Don Giovanni»,...
Die Spielzeit startet mit Verve. In Hannover erlebt Luigi Nonos «Intolleranza 1960» einen Zeitsprung in die Gegenwart: ganz aus der Musik heraus gedacht und gestaltet. Das Schiller Theater in Berlin, ab sofort für einige Jahre Heim der Staatsoper, wurde mit einer Uraufführung (unter Leitung von Daniel Barenboim himself) und zwei zeitgenössischen Einaktern eröffnet....
