Missverständnis
Janáčeks letzte Oper differiert an einem neuralgischen Punkt von ihren Vorgängerwerken. Nicht das Einzelschicksal, wie in «Jenůfa», «Die Sache Makropulos» oder «Katja Kabanowa», steht im Fokus. Der Blick des Komponisten richtet sich auf das Kollektiv der gequälten Kreaturen, auf deren körperliche wie moralische Verrohung, sprich: auf die condition humaine, wie sie angesichts unhaltbar-grauenvoller Zustände pulverisiert.
Das titelgebende «Totenhaus» dient hierbei als Metapher für eine entzauberte Welt, in der Janáček seine Figuren leiden lässt, auf der Suche nach dem göttlichen Funken in sich. «Sie wissen, wir alle träumen vom Paradies, vom Himmel, und kommen doch nie hinein», heißt es in einem Brief an die Geliebte Kamila Stösslová.
Patrice Chéreau und Barrie Kosky haben dies auf gnadenlos-grandiose Weise gezeigt. Haben die Depravation einer (ein-)geschlossenen Gesellschaft in den Mittelpunkt gerückt, die drei großen Erzählungen aus diesem «Kern» deduziert. David Hermann geht in Frankfurt den umgekehrten Weg. Er richtet sein Augenmerk auf das Individuum als Opfer der Verhältnisse. Als Inititial dient ihm jener Satz aus dem Libretto, den schon Dostojewskis «Erzähler» Alexander ...
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Opernwelt Mai 2018
Rubrik: Panorama, Seite 49
von Jürgen Otten
Nicht im Opernhaus, sondern im Audimax der Bochumer Ruhr-Universität hat Peter P. Pachl in Koproduktion mit Deutschlandradio Kultur und der Internationalen Siegfried Wagner Gesellschaft dessen Märchenoper «An Allem ist Hütchen schuld!» auf die improvisierte Bühne gebracht und abermals eine Lanze für den unterschätzten Sohn Richard Wagners gebrochen.
Siegfried –...
Am Anfang ist das dunkle, kalte Nichts. Der leere Raum vor schwarzglänzenden Brandschutzmauern. Nach funkelnder Operette sieht es kaum aus. Und das wird sich zunächst auch nicht ändern. Denn von der Seite schiebt sich ein Thespiskarren mit der Aufschrift «Varieté Vanitas» herein, gezogen von einem puttogleichen Wesen (Rüdiger Frank). Cupido ist’s, aber er ist nicht...
Es lebt sich anscheinend nicht allzu unangenehm auf einer verlassenen Insel. Gut, einige Büschel getrockneter Gräser und etwas Tigerfell sind den Damen nach 13 einsamen Jahren über die Roben gewachsen. Aber das Unzivilisierte bleibt noch immer zivilisiert, ebenso wie sich Felsen und Wälder in geordneten Bahnen zur klassischen Gassenbühne staffeln. Wir sind...
