Mensch und Monster
Die Satiriker-Formel trifft das Doppelbödige, Abgründige im Homo sapiens: Benimmt sich jemand wie ein Mensch, heißt man ihn «armes Schwein», verhält er sich wie ein Schwein, sagt er: «Man ist doch auch nur ein Mensch!».
Goethes «Edel sei der Mensch, hilfreich und gut» und die Bestialität, der dieser fähig ist, bleiben Pfahl im Fleische hoher Humanität, belegen doch Geschichte wie Gegenwart, dass hohes sittliches Ideal und viehische Realität nicht immer gar so sternenweit auseinanderliegen – und dass erhabenste Werte und niedrigste Instinkte mitunter gleichermaßen das Handeln bestimmen. Es geht nicht nur um Mensch und Tier; die lassen sich quasi zoologisch auseinanderhalten. Die Grenzen zwischen Mensch und Unmensch sind vager, das «Monster», der «Unhold» eher Metapher als exakte Beschreibung. Dass dies nicht pure Wortklauberei ist, zeigt die Rüge des Straßburger Gerichtshofs, die die lebenslängliche «Sicherheitsverwahrung» etwa für mutmaßliche Sexualstraf-Wiederholungstäter als Menschenrechtsverletzung kritisierte. Das soll nicht im Mindesten die Täter gegen die Opfer in Schutz nehmen. Aber wenn der Schauspieler Til Schweiger forderte, Kinderschänder für immer aus dem Verkehr zu ziehen, der anschwellende «Volkszorn» unlängst beinahe zur Lynchjustiz gegen einen Unschuldigen geführt hätte, die «Kopf ab!»-Formel stammtischfähig geworden ist, dann wirft dies doch Fragen nach Menschenbild und Rechtsverständnis auf. ...
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Opernwelt April 2013
Rubrik: Magazin, Seite 78
von Gerhard R. Koch
Ein schlichter Mönch, der Chronikschreiber Pimen, hat das Wissen um die Katastrophen Russlands in der Hand, wie sie in Mussorgskys gewaltigem «Boris Godunow» aufscheinen: «Es zieht Vergangenheit an mir vorüber – bewegt, so wie ein Meer, ein Ozean...» Mussorgsky, der Historiker unter den Opernkomponisten des 19. Jahrhunderts, verwandelt das wirre Panorama seines...
Ein dumpfes Grollen verdrängt die Stille. Leise donnernd, von weither, diffus. Dann zucken akustische Blitze, setzen den grauen Schallraum für Sekundenbruchteile in grelles Licht – scharf angerissene Tonkürzel der Streicher- und Bläser; ein Akkordeon wirft sich dazwischen, das Schlagwerk knallt. Didos Drama nimmt seinen Lauf. Sie singt, stammelt, tobt, deklamiert –...
Mahlers Sinfonien erzählen Geschichten. Geschichten, derer sich das Tanztheater längst bemächtigt hat. Auch Bremens Leitender Regisseur Benedikt von Peter und seine Mannschaft scheinen von diesem Ansatz auszugehen, kommen aber bei Mahlers Dritter zu Ergebnissen, die eher im Bereich des Abstrakt-Assoziativen liegen und den Zuschauer mit einer Unzahl zufällig...
