Matterhorn als Mantel

München, Staatstheater am Gärtnerplatz, Mascagni: Cavalleria rusticana, Leoncavallo: Der Bajazzo

Opernwelt - Logo

In Zeitlupe öffnet sich der Vorhang und gibt minutenlang den Blick frei auf ein eigentlich hinter der Szene spielendes Geschehen, hier erstarrt zum Chor-Tableau: Grell herausgeputzte Frauen und Männern im schlecht sitzenden Siebziger-Jahre-Outfit. Zwei Figuren schälen sich heraus: Matrone Mamma Lucia (mit enormem Mut zur Hässlichkeit: Snejinka Avramova) und die Lola von Barbara Schmidt-Gaden, die das Angeschickertsein nicht nur spielt, sondern auch singt. Der Turiddu von Michael Suttner ist ein armseliges Würstchen, das den Macho mimt.

Für Santuzza, der er ein Kind gemacht hat und die er nun von sich stößt, bietet das Haus zwei ganz unterschied­liche Besetzungen auf: Ann-Kathrin Naidu spielte, obgleich ein intensiver, dunkel glü­hen­der Mezzo, in der Premiere suggestiv das irre, wilde Mäd­chen; Na­thalie Boissys lyrischer Sopran hat stimmlich an Substanz und Dramatik gewonnen und diente der intensiven Darstellung einer im Innersten getroffenen reiferen Frau, die keine Zukunft mehr vor sich sieht. Großartig der Einfall, dass sie das gemalte Matterhorn vom Schnür­boden reißt und wie einen Mantel trägt. Solche Momente gelingen dem Regis­seur und Bühnenbildner Christian Sedelmayer ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Dezember 2005
Rubrik: Panorama, Seite 58
von Klaus Kalchschmid

Vergriffen
Weitere Beiträge
Rückzug ins Unverbindliche

Zum Scheitern führen viele Wege. Die Regisseure der beiden Opern-Neuproduktionen zu Beginn der laufenden Spielzeit am Badischen Staatstheater, Robert Tannenbaum bei «Simon Boccanegra» und Denis Krief, der seine Auseinandersetzung mit dem «Ring des Nibelungen» nach dem «Rheingold» im vorigen Jahr jetzt mit der «Walküre» fortgesetzt hat, gingen von diametral...

Stationendrama oder Traumspiel?

Vielleicht ist «La forza del destino» – obgleich nach dem spanischen Drama «Don Álvaro, o la fuerza del sino» von 1835 komponiert – Verdis radikalste Shakespeare-Oper: Einheit von Ort und Zeit sind aufgebrochen wie nie im Werk dieses immer wieder nach neuen Lösungen suchenden Komponisten. Dralle, burleske Massenszenen wechseln mit hohem tragischen Ton; inbrünstiges...

Eine Welt für sich

An der Mercedesstraße von Cannstatt nach Untertürkheim liegt die Stuttgarter Schleyerhalle, in der Reitturniere stattfinden, Holiday on Ice versprochen wird und in der Bon Jovi oder Udo Jürgens auftreten. Rund achttausend Zuschauer begehrten an einem goldenen Oktober­abend Einlass, um eine Legende zu besichtigen: Luciano Pavarotti, der wenige Tage zuvor siebzig...