Mal ehrlich: Aus dem Leben eines Taugenichts
Gestern haben wir uns ein Musical angesehen. Von mir aus wär ich wohl kaum hingegangen, aber eine Freundin hat da mitgemacht. Versteht sich von selbst, dass wir nachher auch hinter die Bühne sind, um ihr vorzuschwärmen, wie sehr wir den Abend genossen hätten. Dabei war’s schrecklich. Einfach grauenhaft – zu lang, zu platt, zu schlecht gemacht. Ich wusste es, die Freundin wusst’ es auch. Das Lächeln steif, die Stimme höher als sonst und hohl, log ich ihr mitten ins Gesicht. Macht man halt so.
Ich war nicht der Einzige.
Die Zuschauer hatten den Abend großteils im kollektiven Koma verbracht, doch kaum war die Tortur vorbei, schossen sie von ihren Sitzen hoch und jubelten den armen Affen auf der Bühne zu, als gält’s ihr Leben. Macht man halt so im Musical.
Wenn ich die Sache richtig beurteile, fand das Ensemble die wilde Zuneigung zwar enorm beruhigend, aber auch ziemlich irritierend. Ich gehe jede Wette ein: Alle da oben wussten genau, dass die Show ein faules Ei war. Und dafür, dass sie sich mit jeder Faser und ohne Rücksicht auf die persönliche Würde in einen solchen Mist geworfen hatten – mitgehangen, mitgefangen –, hatten sie den Applaus irgendwie ja auch verdient. Jeden einzelnen ...
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Opernwelt Mai 2016
Rubrik: Magazin, Seite 81
von Christopher Gillett
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