Lust und Kontrolle
Galant, taktvoll sind solche PR-Jubiläen ja weniger. Zwei Jahrzehnte liegt die CD-Großtat zurück, ganze drei die Unterschrift unter dem Exklusivvertrag mit dem Label – wer mag da nicht gleich Altersberechnungen anstellen? Cecilia Bartoli kümmert das mutmaßlich wenig, weil man es ihr vor allem nicht anhört. «The Vivaldi Album» elektrisierte 1999 die Musikwelt und führte dem Normalkonsumenten (inklusive neugierig gewordener Intendanten) vor, dass es da noch Wildes, Überrumpelndes jenseits des Händel-Kosmos gibt.
Eine verrückte Platte, auf der Zärtelndes unterbrochen wurde durch eine Verbindung von Koloraturen-Feuerwerk und Konsonanten-Gewitter. Al dente und auf Angriff musizierten Il Giardino Armonico und trieben la Diva in den Vokalwahnwitz.
Jetzt, auf ihrem zweiten Vivaldi-Album, präsentiert sich die Künstlerin eine Spur anders. Die zehn Arien (zusammengerechnet nur eine knappe Stunde) sind neu in ihrem Portfolio. Sie führen zwar die bekannten Fertigkeiten vor, sind aber intimer, nach innen gerichtet, oft reinste Opernkammermusik. Was auch daran liegt, dass Jean-Christophe Spinosi mit dem Ensemble Matheus filigraner, delikater unterwegs ist als seinerzeit Giovanni Antonini. ...
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Opernwelt Januar 2019
Rubrik: Hören, Sehen, Lesen, Seite 23
von Markus Thiel
Wie umgehen mit diesem heiklen Dramma serio per musica, das da 1791, in Mozarts Todesjahr, noch rasch als «Krönungsoper» für Leopold II. – ein Auftrag aus Prag – erledigt werden wollte? Pietro Metastasios vielfach erprobtes Sujet war vorgegeben. Der römische Kaiser Titus, beileibe kein mildtätiger Herrscher, lässt nach Liebesintrige und Mordkomplott Gnade vor...
Am letzten Tag der Probenwoche im September, es ist schon spät, sagt Márta Kurtág einen Satz, der wie eine persönliche Bilanz klingt: «Für uns ist ‹Fin de partie› alles. Es geht da auch um unser Leben.» Das Leben mit György, ihrem Gatten und Gefährten seit mehr als sieben Jahrzehnten. Viel Zeit bleibt ihnen nicht: Der Komponist wird im Februar 93, die Pianistin...
Draußen, vor der Tür, die Kälte. Eisige Winde, Regenfäden, grauschwerer Himmel. Drinnen, im Ballettprobensaal, das Gleiche, nur in anderen Farben, Formen, Figuren. Eine Stiefmutter, deren Seele so schwarz ist wie ihr Kleid, zwei Stiefschwestern in blaustrümpfiger Blödheit, mit geflochtenen Zöpfen auf dem Kopf und Gemeinheiten im Gehirn. In ihrer Mitte die...
