Lichtschneisen in eine neue Zeit

Pelléas et Mélisande in Essen und Frankfurt. Der Kontrast könnte größer kaum sein

Opernwelt - Logo

Die Musik kommt aus dem Nichts. Eine aufsteigende Quinte der tiefen Streicher, dann ein Ganzton. Sehr leise beides, sehr legato und très modéré. Die Bewegung wiederholt sich. Holzbläser treten dazu: synkopisch sanft angestoßene Akkorde, mehr kreisend als zielgerichtet. Abbruch. Von fern grollt die Pauke. Dann ein neuer Start, die gleichen Töne, nur heller, höher, konturierter. Das Ohr sieht etwas besser, dennoch bleibt der Klangraum dunkel. Und dann plötzlich dieses Weinen. Ein einzelner starrer Ton der Oboe, eine zarte Seufzergeste. Es ist das Erste, was wir von Mélisande hören.

Warum weint sie?

In Essen zieht uns ein blauer Portalschleier ins Geschehen. Er lichtet sich langsam – wie die Musik. Mélisande weint mit dem ganzen Körper, stark und stumm. Sie steckt in einem hellen, hochgeschlossenen, schuppenartigen Kleid. Eine Meerjungfrau könnte sie sein, die gerade schmerzvoll Mensch geworden ist. Sie ist groß und blond und scheu, ihre Sinnlichkeit unbewusst. «Fasst mich nicht an», sagt sie. Ein Stück Natur. Ein Trauma. Ein Rätsel.

In Frankfurt steht Mélisande in einem hellen Spotlight. Sie weint nicht, sondern fingert nach ­ihrem Feuerzeug. Sie braucht einen Joint. Sie steckt in ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Januar 2013
Rubrik: Im Focus, Seite 4
von Stephan Mösch

Weitere Beiträge
Ein Hauch von Verlust

Verärgert klang es, wütend. Buh! Und es waren keineswegs nur ein paar versprengte Berufsprotestierer, die gegen die zweite Musiktheaterpremiere unter dem neuen Zürcher Opernintendanten ­Andreas Homoki aufmuckten. Ihre Wut war sehr vernehmlich. Es war freilich auch etwas für sie Neues zu sehen und zu hören gewesen, etwas Seltsames, Irritierendes – etwas, das in den...

Was kommt...

Andrea Breth mit La Traviata
Es kommt nicht oft vor, dass Andrea Breth Opern inszeniert. Und wenn, dann muss das gesamte Umfeld stimmen. In Brüssel hat sie diesbezüglich bei Katja Kabanova gute Erfahrungen gemacht. Nun bringt sie dort Verdis La traviata heraus. Ein Stück nach Wunsch.

Franz Josef Selig
ist ganz ohne Frage einer der führenden Bassisten unserer Zeit....

Sprache und Klang

Prima la musica, poi le parole? Das Verhältnis von Musik und Sprache hat schon Antonio Salieri auf der Bühne behandelt – in seinem gleichnamigen Divertimento, das 1786, gleichsam als dramaturgisches Statement zur damals virulenten Singspiel-Debatte, mit Mozarts Schauspieldirektor in der Orangerie von Schloss Schönbrunn uraufgeführt wurde. Richard Strauss gönnte...