Lehár tickt anders
Seiner berühmten und extremen Frankfurter «Rosenkavalier»-Inszenierung (2016) hängte Claus Guth die Bleigewichte mannigfacher Vergänglichkeits- und Todeszeichen an. Wie würde er nun mit Franz Lehárs «Lustiger Witwe» umgehen? Zu vermuten war, dass es überhaupt nicht lustig würde, sondern womöglich noch viel düsterer. Die 1905 uraufgeführte Operette gilt ja nicht unbedingt als repräsentativ für eine Epoche praller Daseinsfreude; eher attestiert man ihrem tänzerischen Vulkanismus den Vorschein welthistorischer Katastrophennähe.
Guths Neuinterpretation bedeutet in manchem eine Überraschung. Die Aufführung oszilliert in virtuosen dialektischen Spiegelungen und Brechungen, zeigt sich leichtgewichtig und schwer, nimmt die Operette ernst und unernst zugleich, arbeitet zielsicher mit dem ständigen Umschlagen von Schein in (vermeintliche) Wirklichkeit, offenbart die intelligente Bodenlosigkeit einer trügerisch-stämmigen Amüsierdramaturgie. Eines tut sie beileibe nicht: das Werk als poliertes Schaustück eindimensionalen Ausstattungs-, Tanz- und Sangesprunks hinstellen. Weit weg also von Jerome Savary und Broadway. Und versehen mit einer unmissverständlichen leitmotivischen Metapher – dem an ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt Juli 2018
Rubrik: Im Focus, Seite 10
von Hans-Klaus Jungheinrich
In letzter Zeit bin ich richtig gut drauf. So gut, dass sich meine Familie und Freunde schon ein bisschen wundern. Wahrscheinlich hatten sie damit gerechnet, dass mein Sechzigster mich vollends zum Griesgram machen würde. Aber ich habe sie angenehm überrascht. Doch am Alter liegt’s nicht. Meine Fröhlichkeit rührt daher, dass ich auf Tournee bin.
Nun ist das...
Inszeniert in Russland ein Schauspielregisseur eine Oper, geht das meist daneben. Würde der vielgerühmte Konstantin Bogomolov hier eine Ausnahme bilden? Bogomolov ist in den letzten sechs, sieben Jahren zu Moskaus Kultregisseur aufgestiegen, seine provokanten, sozialkritischen Arbeiten am Künstler-Theater begeistern ein breites Publikum. Für Anton Getman, den...
JUBILARE
Mario Venzago wurde in Zürich geboren. Schon als Fünfjähriger erhielt er Klavierunterricht und studierte später an der Universität und Musikhochschule seiner Heimatstadt, wo er Dirigierschüler von Erich Schmid war, dem Vorgänger Simon Rattles als Chefdirigent in Birmingham. Venzagos berufliche Laufbahn begann als Konzertpianist, es folgte ein festes...
