Kunst der Koloratur
Seit Richard Wagner in einem aus dem Geist der Polemik geschriebenen Aufsatz zwischen dem Virtuosen und dem Künstler unterschied, wird gesangliche Kunstfertigkeit mit «leerer» Kehlakrobatik gleichgesetzt. Lange Zeit konnte man eine Sängerin nicht vernichtender tadeln als dadurch, dass man sie als Virtuosa lobte. Zu den Sängerinnen, die in den Sechzigerjahren eine neue Richtung wiesen und ein diskreditiertes Repertoire rehabilitierten, gehörte die in Bradford (Pennsylvania) geborene Marilyn Horne. Nach dem Studium – u. a.
bei Lotte Lehmann – debütierte sie 1954 in Los Angeles (als Háta in «Die verkaufte Braut»), lieh Dorothy Dandridge ihre Stimme in Otto Premingers «Carmen Jones», verbrachte drei Galeerenjahre in Gelsenkirchen (1956 bis 1959), sang 1960 in San Francisco die «Wozzeck»-Marie.
Durch die Sutherland-Bonynge-Connection fand sie, nach einem weiteren Studium bei William Vennard – auf die «glory road». 1964 führten sie und die australische Primadonna mit einem großartigen Album in das «Age of Belcanto» ein. Es war einer der ersten methodischen Versuche, die Formensprache des klassischen Singens zu aktualisieren. Im selben Jahr entstand die Aufnahme der letzten prunkvollen ...
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Opernwelt Februar 2014
Rubrik: Magazin, Seite 79
von Jürgen Kesting
Valery Gergiev hat derzeit andere Sorgen als seine Aufnahmen. Auf dem Höhepunkt seiner Macht und im Jahr der Eröffnung von Mariinsky II (siehe OW 6/2013) wurde gegen ihn demonstriert. Nicht gerade Alltagserfahrung für einen Dirigenten. Seine Kumpanei mit Putin und seine mangelnde Distanz zu dessen Gesetzgebung hat eine Welle der Empörung ausgelöst – in New York...
Manfred trägt eine dunkle Livrée mit zwei Reihen silberner Knöpfe. In dieser Uniform wird er mit seinen Dämonen ringen, wird er, ruhig und beherrscht, in den selbstgewählten Tod gehen. Bleich das Gesicht, hohl die Augen. Der düstere Held aus Lord Byrons gleichnamigem Gedicht tritt an der Pariser Opéra Comique als eine Art Kammerdiener auf. Seine zwiespältige...
Der erste Eindruck: Da hat einer ganz genau hingeschaut. Aus nächster Nähe. An jedem Augenaufschlag, jedem Tonfall, jedem Fingerzeig gefeilt, bis nichts mehr zu sehen war von der Anstrengung, der Konzentration, ohne die es keine Wahrhaftigkeit gibt im Spiel auf der Bühne. Und: Da hat einer ganz genau hingehört. Sich tief in die Noten versenkt. In das Farbflimmern,...
