Kulturkampf in der Grauzone
Ist plötzlich die Last von ihm abgefallen? Der innere Druck intensiver Probenwochen? Die Krisen des zweijährigen Ringens um ein Stück, ein Genre, das wie ein Buch mit sieben Siegeln erschien? Sind sie plötzlich verflogen, die Zweifel, Skrupel, bohrenden Fragen, die so lange im Kopf herumspukten? Wieder und wieder hatte er sie mit «der Bettina» (Bartz) und «dem Luc» (Joosten), seinen Dramaturgen, durchdekliniert.
Aber jetzt ist es, als wäre ein Schalk in den Mann gefahren, der da in einem Seitenfoyer der Genter Oper frisch, fröhlich, frei aus dem Nähkästchen plaudert und die Ruhe weg hat, eine halbe Stunde vor der Premiere.
«Die Bibel», scherzt Peter Konwitschny und nickt neckisch zu einem circa fünf Pfund schweren Buchkoloss hinüber, der sein Lebenswerk dokumentiert. Der Untertitel des Bandes: «Oper als Zentrum der Gegenwart». Ein großes Foto ziert den Schutzumschlag, lachend nimmt uns der große Operndeuter, der altmeisterlich junge Theateraufklärer ins Visier, das Ohr auf Empfang gestellt. In schlanken Lettern ruft es aus ihm heraus: «Mensch, Mensch, Mensch!» Sein brechtianisch, berghausianisch gefiltertes «ecce homo». Sein Appell, sich nie, nie, nie zu beruhigen angesichts der ...
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Opernwelt Juni 2015
Rubrik: Im Focus, Seite 8
von Albrecht Thiemann
Gerade weil viele Liededitionen immer wieder dieselben Komponisten und Werke vorstellen, weckt die CD des österreichischen Baritons Wolfgang Holzmair mit weitgehend unbekannten, jedenfalls selten gesungenen Vertonungen von Hymnen und Oden Friedrich Gottlieb Klopstocks durch Carl Philipp Emanuel Bach, Gluck und Schubert besonderes Interesse. Weil man dem Unternehmen...
Die Gegenwart sei die einzige Zeit, die wirklich uns gehöre, schrieb schon Blaise Pascal. Wohl wahr, doch es ist recht ungewöhnlich für einen Sängerwettstreit, das Interesse am Musikschaffen der Gegenwart zu einer conditio sine qua non zu machen. Der alle zwei Jahre in Wien stattfindende Hilde Zadek Gesangswettbewerb – benannt nach der mittlerweile 97-jährigen...
Von Peter Brooks «leerem Raum» ist keine Rede bei Donizettis «Don Pasquale» in der szenischen Exegese seiner Tochter Irina an der Wiener Staatsoper, im Gegenteil: Das Ganze ist eine quietschbunte, klamaukige Abrechnung mit unserer Event-Zeit, voller Slapstick, Scherz, Satire und Ironie – in Form von typisch angelsäschischem tongue in cheek, vor allem im ganz in...
