Kühles Delirium
Normalerweise ist es umgekehrt. Sobald Komponisten sich ein Stück Literatur vornehmen, wird es durch die Musik verallgemeinert, im Tonfall gemildert, oft humanisiert. Was vom Schriftsteller als kühle Diagnose notiert ist, erscheint auf der Musikbühne als Anliegen von primär emotionaler Sprengkraft. So geschehen bei Bergs «Wozzeck», Strauss’ «Salome», Janáceks «Die Sache Makropulos», von Einems «Dantons Tod», Blachers «Yvonne» und vielen anderen Opern. «Der Spieler» nach Dostojewskis Roman aus dem Jahr 1866 gehört nicht in diese Reihe.
Prokofjew pustet Mentalitätsbeschreibungen, Seelenschau und Moral seiner Vorlage einfach weg. Er treibt ihre Skurrilitäten ins Extrem, überdreht ihr Tempo und kitzelt eine tragische Farce heraus. Nichts will diese Musik weniger als begleiten oder melodische Inseln schaffen. Sie macht, von vorne bis hinten, vor allem eins: Sie reißt den Text an sich. Sie malt ihn aus, sie verfolgt seine Brüche, Sprünge und übersetzt sie in plastische Orchesterfarben. Gern bläst sie Tonfälle ironisch auf, zieht sie ins Grelle, Überdeutliche. Sie verfertigt kühle Diagnosen und kichert sich dabei schlapp.
Was und wie die Figuren artikulieren, denken und verschweigen, ist ...
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Das Werk steht unangetastet vor uns. Doch die Umstände haben sich radikal verändert, damit die Bedingungen der Rezeption. Denn wohl niemand wird ernstlich bezweifeln, dass der Hauch des Exotischen, wie er noch 1929 vom Land des Lächelns ausging, inzwischen einer fast pragmatischen Sichtweise gewichen ist: China, das ist nicht mehr länger Chiffre für das Andere...
Luca Ronconi will mit seiner neuen, ziemlich glatten Inszenierung von Puccinis «Il trittico» offenbar unauffällig an die Tradition anknüpfen. Zugleich zeigt er Haltung – mit realitätsnaher Ironie und einem gehörigen Schuss Zynismus. Puccini war schließlich kein Mann von rechtschaffener Biederkeit. Der beißende Humor des «Gianni Schicchi» hat viel mit dem Minenfeld...
Am Anfang», sagt James Conlon und nuckelt an seiner zuckerfreien Starbucks-Spezialorder, «war es eine Faszination, die allmählich und ganz organisch zu einer Leidenschaft gewachsen ist.» Dabei zeigt der 57-Jährige noch immer alle Anzeichen heftigster Verliebtheit: Sobald er über Alexander Zemlinsky sprechen kann, über Ernst Krenek, Erich Wolfgang Korngold, Walter...
