O Tanz, o Rausch, o Wahn!
Das Bild passt zur Musik. Vor dem Spiegel, im Totenhemd, die kahle Sängerin, ein Gespenst: Marie. Hinter ihr Paul, der Witwer, «in höchster Erregung» (Regieanweisung), aber noch höherer Verwirrung, dem Tod ins Auge blickend: Einen Tritonus hinauf springt sein Ruf, vom zweigestrichenen es zum a, aber er gilt der falschen Frau: «Marietta». Die abfallende kleine Sekunde, der Seufzer vom a zum as, illustriert die Verwechslung, evoziert aber auch den Riss zwischen Realität und symbolischer Ordnung.
Und dann knallt, im dreifachen Forte, dieser dissonante, auf einer Quint sitzende, nur eine Sechzehntel anhaltende Akkord in den Saal, der sich aus den Tönen des «Marietta»-Rufes speist: im Bass durch eine Quinte ausgehöhlt wie die Klavierbegleitung in Schuberts «Leiermann» (as-es), in den Mittel- und Oberstimmen die unheilkündende Tritonus-Spannung a-es-a, die sinnbildlich wirkt für diesen Moment, in dem die Tote ins Leben zurückkehrt, um ihren Gatten in einem klagenden, vom Gewissensmotiv beherrschten Gesang in der Todestonart d-Moll an ihre verblichene Liebe zu erinnern.
In solchen Momenten zeigt sich, was ein Dirigent vermag. Und Kirill Petrenko vermag viel. Sehr viel. Er ist der ...
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Opernwelt Januar 2020
Rubrik: Im Focus, Seite 12
von Jürgen Otten
Schon in wilhelminischer Zeit, lange vor der sogenannten sexuellen Revolution der 1960er-Jahre, gab es Bestrebungen, die prüde Leibfeindlichkeit der katholischen Kirche durch Propagierung einer neuen Freikörperkultur zu überwinden. Auch die 1916 bis 1924 entstandene und 1926 in Warschau erstmals vorgestellte Oper «Król Roger» von Karol Szymanowski kreist um diese...
Lieber Herr Marton, ist das gute, alte Stadttheater, wie es in Deutschland existiert, generell ein Ort für Sie?
Es ist eher die Frage, ob es ein Ort für Musiktheater ist. In Deutschland existiert immerhin dieser Begriff «Musiktheater», der auch experimentelle Formen jenseits der Oper oder des Musicals bezeichnet. Aber institutionell existiert diese Genre – anders...
Die Frage mag verwegen sein, vielleicht sogar ein bisschen unverfroren. Aber die Zeit ist danach, sie einmal ganz ohne Zungenschlag zu stellen: Gibt es eine weibliche Sicht auf Verdis Musikdrama «La traviata»? Und ist diese Sicht, so sie existiert, womöglich imstande, eine veränderte Rezeptionshaltung zu implantieren? Die Deutungen von Ellen Lamm in Stockholm und...
