Konzentrische Kreise
Ein Luxus-Loft, Glas, viel freie Flächen. An den Wänden glänzen gerahmte LPs und einige Gitarren, in der Mitte prangt ein Designerbett. Rechts hinten tanzen Wasserreflexe bläulich über die Wand: Aus dem Bad taucht, keuchend wie ein knapp dem Ertrinken Entronnener, Orpheus auf und spuckt Konsonanten. Bis er sich gefangen hat, hält Apollo mit langen Rezitationen vom Zuspielband die Stellung. Orpheus erstes gesungenes Wort ist, wie könnte es anders sein, «Eurydice».
Harrison Birtwistles «The Mask of Orpheus» ist auf die Bühne des Londoner Coliseums zurückgekehrt.
Hier wurde das Stück 1986 uraufgeführt, um dann 32 Jahre in der Versenkung zu verschwinden. Der Grund dafür erschließt sich ohne Weiteres. So vielfädig kommt die «Handlung» daher, dass die Synopsis im Programmheft fünf Seiten füllt. Die großflächig eingesetzten IRCAM-Tapes wirken heute aus der Zeit gefallen, geradezu retro-futuristisch. Es wird gesungen, gesprochen, geschwiegen, neben Sängern kommen auch Mimen bzw. Tänzer zum Einsatz (hier: Zirkusartisten). Die Hauptfiguren treten in dreifacher Ausführung auf. Zwei Dirigenten haben schwer zu tun. Libretto wie Musik bauen auf Wiederholungen und sorgen für eine ritualhafte ...
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Opernwelt Januar 2020
Rubrik: Im Focus, Seite 18
von Wiebke Roloff Halsey
Während Händel- und Vivaldi-Recitals boomen, hat die noch immer unterschätzte französische Barockoper auch hier das Nachsehen. Ihr theatrales Gesamtkunstwerk aus Aktion, Gesang und Tanz eignet sich weniger zur vokalen Selbstdarstellung als die italienische Seria mit ihren virtuosen Abgangsarien, und für den gegenwärtige Counter-Hype liefert sie kein Stimmfutter....
Seit seiner Uraufführung am Petersburger Mariinski-Theater 1890 bildet «Fürst Igor» ein von Bewunderern innig geliebtes Problemkind des Opernrepertoires. Problematisch ist zum einen das Libretto: eine Folge von grob gezeichneten Abziehbildern aus dem mittelalterlichen Russland ohne dramatischen Spannungsbogen oder sprachliche Prägnanz. «Oper» im abgegriffensten...
Schon in wilhelminischer Zeit, lange vor der sogenannten sexuellen Revolution der 1960er-Jahre, gab es Bestrebungen, die prüde Leibfeindlichkeit der katholischen Kirche durch Propagierung einer neuen Freikörperkultur zu überwinden. Auch die 1916 bis 1924 entstandene und 1926 in Warschau erstmals vorgestellte Oper «Król Roger» von Karol Szymanowski kreist um diese...
