Kinder, macht Neues!

Werden viele Werke zu Recht vergessen? Es gibt Musikfreunde, die das glauben: Was sich nicht auf den Spielplänen behauptet, kann ruhig in Archiven verstauben. Das ist keine neue Einstellung. Als Carl Orff 1925 Monteverdis damals völlig unbekannten «Orfeo» wiederbelebte, erntete er vor allem eines: Häme. Andererseits: Nie zuvor gab es in der Oper (an Häusern jeder Größenordnung) so viel Neugier auf Verborgenes, ins Abseits Gedrängtes. Warum? Weil sich das Risiko lohnt und weil die Opernentdeckungen von heute nicht selten Repertoirewerke von morgen sind. Bei Monteverdi war das einst so. Später bei Cavalli, Vivaldi und anderen. Vitalität unserer Opernhäuser erweist sich nicht nur durch Uraufführungen und die Neudeutung vertrauter Stücke, sondern dann, wenn der Kanon in Frage gestellt wird. Auf den folgenden Seiten lassen wir die wichtigsten Wiederentdeckungen der Spielzeit 2009/2010 Revue passieren. Ihre stilistische Spannweite ist erstaunlich.

Opernwelt - Logo

Der Streit um Sinn oder Unsinn, vergessene Opern «auszugraben», ist so alt wie dieser Versuch selbst. Als das Nationaltheater Mannheim Carl Orff 1925 die Möglichkeit gab, Monteverdis «Orfeo» für das lebendige Theater zurückzugewinnen, war der Erfolg entmutigend. Zur Premiere waren zwar Musiker, Musikwissenschaftler, Intendanten und Spezialis­ten aus dem ganzen Reich und dem Ausland angereist. Dann aber muss­te die Inszenierung mangels Publikum nach der dritten Vorstellung abgesetzt werden. Das Haus hatte keine Mühen gescheut.

Man hatte historische Instrumente aus dem Germanischen Nationalmuseum Nürnberg und anderen Spezialsammlungen entliehen und spezielle Heckelphone statt der für damalige Musiker unspielbaren Zinken bauen lassen. Die Presse aber maulte: «Über die Notwendigkeit der Herbeischaffung teils überholter, teils neukonstruierter Instrumente ließe sich streiten» (General-Anzeiger Ludwigshafen, 20.4.1925), und giftete: «Es wäre notwendiger, das Repertoire einmal umzugraben [die Repertoire-Stücke neu zu inszenieren], es käme sicherlich mehr dabei heraus. Allerdings: Monteverdi hat noch mehr Opern geschrieben. Zu den schlimmsten Befürchtungen gibt dies Anlass.» (Neue ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Jahrbuch 2010
Rubrik: Wiederentdeckungen 2010, Seite 26
von Boris Kehrmann

Vergriffen
Weitere Beiträge
Bodenständig, weltoffen

Berühmt und gleichwohl schlicht sind die Namen der Berliner Philharmoniker, der Bamberger Symphoniker oder des Cleveland Orchestra. Sie verraten lediglich den Hauptsitz dieser künstlerischen Verbände, der heutzutage freilich immer weniger mit dem Herkunftsort der dort beschäftigten Musiker zusammenfällt. Andere Klangkörper nannten sich nach einer Gründerfigur – das...

Aushalten, Haushalten, Durchhalten

 

Herr Holender, Sie haben einmal gesagt, Operndirektor sei kein Beruf, sondern eine Situation, in die man gerät. Ist ein Operndirektor jemand, der nicht weiß, welchen Beruf er verfehlt hat?
In gewissem Sinn schon. Denn man kann diesen Beruf nirgends lernen. Wer wird denn Operndirektor? Da sind einmal die Sänger am Ende einer Karriere, weil sie sich auskennen im...

«Sie ist die genialste Frau, die mir je vorgekommen!»

Weder durch unerhörte Kehlfertigkeit, noch durch jene kleine Koketterie des Vortrags, durch die viele Sängerinnen sich den Beifall bald zu erlächeln, bald zu erweinen wissen, sucht sie sich Triumphe zu bereiten, aber sie entzückt durch die natürliche Anmuth ihrer metall- und umfangreichen Stimme und ihres Vortrages, die Wärme und Wahrheit des Gefühls, die schon im...