Jeder Ton ein Stromschlag
Interpretation sei, so hat Yehudi Menuhin gesagt, der Feind der Technik. Interpretation verstand er als Suche nach Ausdruck. Bei dieser Suche bevorzugen viele Sänger das verbale Agieren gegenüber dem musikalischen espressivo. In der zweiten Arie der Königin der Nacht haben Soprane wie Selma Kurz, Frieda Hempel, Maria Ivogün oder später Rita Streich die technische Bewältigung in den Vordergrund gestellt, gerade in den auf das dreigestrichene F führenden Staccato-Passagen.
Bei Edda Moser, die die Partie in der glänzend gelungenen Aufnahme unter Wolfgang Sawallisch gesungen hat, lodern sie wie Feuerbälle. Wann je waren die Rache-Arie und «Nun zittre nicht, mein lieber Sohn» mit dem g-Moll-Larghetto «Zum Leiden bin ich auserkoren» mit einem vergleichbaren dramatischen Feuer zu erleben! Phrasen wie «ein Bösewicht» oder «Tod und Verzweiflung» treffen den Hörer wie Stromschläge.
Die von Mozart geforderte «Gewalt der Worte» muss man auch bei Mosers Konstanze nicht anmahnen. Wie einst Lilli Lehmann begreift sie «Martern aller Arten» als dramatische Ausdrucksmusik. Eine singuläre Tour de Force ist ihre Aufnahme der Konzertarie «Populi di Tessaglia» (KV 316). Sie verfügt nicht über die fein ...
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Opernwelt September/Oktober 2018
Rubrik: Magazin, Seite 94
von Jürgen Kesting
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