Interview

Der Regisseur Romeo Castellucci über seinen Wiener «Orfeo», das Koma als Schattenreich, seine Euridice und eine Sprache des Lächelns und der Tränen

Opernwelt - Logo

Glucks «Orfeo ed Euridice» ist nach dem Brüsseler «Parsifal» von 2011 die zweite Oper, die Sie inszenieren. Warum haben Sie sich erst so spät dieser Gattung zugewandt?
Unter allen Gattungen empfinde ich die Oper am stärksten als rückwärts­gewandt und konservativ. Sie stellt eine Welt ohne Sauerstoff dar, die in erstickender Weise an eine bestimmte Vorstellung von Repertoire gefesselt ist. Man kann Oper inszenieren, aber nur an ausgewählten Orten. Es erfordert einen grundsätzlichen Glauben an die Regie.

Wir müssen ein Werk in die ­Gegenwart tragen, anstatt zu rekonstruieren und zu restaurieren – sonst wird die Oper zu einem Mausoleum.

In einem Interview nannte Festwochen-Intendant Markus Hinterhäuser Ihren «Orfeo» das mit Abstand schwierigste Projekt, für das er ­jemals verantwortlich gewesen sei.
Die größte Herausforderung bestand darin, zu beurteilen, ob die Idee, eine Komapatientin in dieser Weise zu zeigen, ethisch überhaupt vertretbar ist. Dies war nur durch zahllose Gespräche möglich – mit Experten, Ärzten, der Familie und schließlich auch mit der Patientin selbst.

Wie ging die Kommunikation mit der Patientin vonstatten?

In erster Linie über die Eltern. Die Patientin befindet ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Juli 2014
Rubrik: Im Focus, Seite 6
von Lena Drazić & Juri Giannini

Weitere Beiträge
Väter und Söhne

Tamerlano» (1724) wird von Händel-Kennern wegen seiner harmonischen Kühnheit und der atemberaubenden Selbstmordszene des türkischen Sultans Bajazet, eine der raren großen Tenor-Partien der Opera seria, geschätzt, vom Publikum aber eher als spröde gefürchtet. Mit diesem Eindruck macht Riccardo Minasi jetzt Schluss. Seine Tempi zielen nicht auf vordergründigen Drive,...

Ein Sturm ist ein Sturm

Stefan Zweig, der Librettist der «Schweigsamen Frau», kannte den Ablauf aus nächster Nähe: «Jede Art von Nervosität ist Strauss fremd, bei Tag und bei Nacht ist sein Kunstintellekt immer gleich hell und klar. Wenn der Diener an der Tür klopft, um ihm den Frack zu bringen zum Dirigieren, steht er auf von der Arbeit, fährt ins Theater und dirigiert mit der gleichen...

Everybody's Darling

Als eine Art pièce de résistance gilt Brittens «Billy Budd» innerhalb der opernaffinen Queer-Community. Der «schöne Matrose», der alle Bewunderung an Deck eines Kriegsschiffs auf sich zieht, wird gern als Bild latent homosexueller Arbeits- und Lebenszusammenhänge gedeutet. Und entspricht so möglicherweise sogar den Intentionen des Komponisten (dessen Lebenspartner...