In Statu Nascendi
Die Probleme gehen schon mit den Sprechtexten los. Mit dem pausbäckig-hölzern die vielstimmige französische Vorlage (Jean Nicolas Bouilly) nivellierenden Deutsch des Wiener Hoftheatersekretärs Joseph Sonnleithner, das auch in der Bearbeitung von Friedrich Treitschke nicht wirklich zündet. Schon Wieland Wagner hatte bei seiner Stuttgarter «Fidelio»-Inszenierung (1954) ganz auf die Dialoge verzichtet, das Geschehen zwischen den Nummern erzählen lassen. Walter Felsenstein und Hanns Eisler griffen für ihren «Fidelio»-Film (1956) massiv in die musikalische Dramaturgie ein.
Kürzlich vertrat Claus Guth in Salzburg gar die Auffassung, dass Beethovens nie fertig gewordene, in drei verschiedenen Fassungen und mit vier Ouvertüren überlieferte Opern-«Ruine» am besten als enigmatische Echokammer des Unbewussten zu vermitteln sei (siehe OW 9-10/2015 und Seite 31). Die Gegenposition nahmen wenig später Jossi Wieler und Sergio Morabito in Stuttgart ein: Ihr «Fidelio» kam (quasi) ungeschoren davon – mit allen Stolpersteinen und Sprachblüten (siehe OW 12/2015).
Auch Harry Kupfer setzt bei seiner fünften Näherung an das unmögliche Opus auf die Dichtung von Sonnleithner/Treitschke. Allerdings hat ...
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Opernwelt November 2016
Rubrik: Im Focus, Seite 10
von Albrecht Thiemann
Zwischen 1920 und 1940 war «Samson et Dalila» an der Pariser Opéra die am zweithäufigsten gespielte Oper – sie kam in der Statistik gleich nach Gounods «Faust». Doch Ruhm ist vergänglich, jedenfalls in der Rezeptionsgeschichte dieses Werks. Die letzte Neuproduktion liegt jetzt 25 Jahre zurück: Damals tat Pier Luigi Pizzi Camille Saint-Saëns’ Meisterwerk mit seiner...
Heute fragt man sich: Wo war damals das Problem? 1977, als der ORF, also das österreichische öffentlich-rechtliche Fernsehen, die «Staatsoperette» sendete – und ein Sturm der Entrüstung losbrach. Casus belli war ein Film von Franz Novotny, mit starkem Musikanteil. Man könnte auch von einer Fernsehoper sprechen. Es handelte sich um eine zugegeben etwas zugespitzte...
Frau von Otter, als eine der vielseitigsten Sängerinnen der Gegenwart haben Sie – außer Verismo – fast alles gesungen, was Ihr Stimmfach hergibt. Sie sind ehrgeizig!?
Ach was, überhaupt nicht. Ich wollte singen, irgendwas, und zwar immer wieder. Allerdings habe ich so eine merkwürdige Neugier in mir, eine Rastlosigkeit. Wenn ich spazierengehe, laufe ich auch immer...
