Huldigungen an den Zeitgeist

Rameau und Walshe an der Oper Stuttgart

Opernwelt - Logo

Calixto Bieito hat wieder einmal zugelangt und in seiner Inszenierung von Jean-Philippe Rameaus ballet bouffon «Platée» die Hosen heruntergelassen. Bieito erzählt die Geschichte der hässlichen Sumpfnymphe Platée, die zum Spaß mit Jupiter verkuppelt und bei Rameau von einem Tenor dargestellt wird, als die Geschichte eines (von Thomas Walker glänzend gespielten, stimmlich allerdings nicht ganz so souverän gemeisterten) Transvestiten.

Die Einblicke ins Triebleben der upper society eines New Yorker Nachtclubs, der hier den Rahmen von Rameaus böser Komödie abgibt, sind begrenzt.

Das paarweise Bodenturnen auf Susanne Gschwenders glitzernd schwarzer Spiegelfläche, über die sich ein Himmel von Leuchtkörpern senkt, ist so harmlos, dass es keinen Jugendlichen in Bedrängnis brächte. Und die Aufgeregtheit, die den ganzen Abend auf der Bühne herrscht, mit einer zügellosen Orgie zu verwechseln, täte den harmlosen Gags zu viel Ehre an: Thalie, die Muse des Theaters, bläst ein Kondom auf; Bacchus (von einer dicken, vollbusigen Frau gemimt) knabbert lustvoll an einer priapeischen Plastik; Jupiter bindet sich einen Eselspimmel vor; Mercure und Cithéron knutschen abendfüllend als Schwulenpärchen. Nur ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt September/Oktober 2012
Rubrik: Magazin, Seite 97
von Uwe Schweikert

Weitere Beiträge
Star-Zirkus

Muss man eine Oper, die unter armen, frierenden Künstlern in einer intimen Großstadt-Mansarde spielt, bei 28 Grad Außentemperatur in einem Amphitheater vor einer monumentalen antiken Mauer und einer Kulisse von 8000 Menschen aufführen?

Man muss wohl, wenn man sein Programm nicht nach Aspekten künstlerischer Sinnhaftigkeit zusammenstellt, sondern nach der Liste der...

Klassentreffen, Akademie, Werkstatt

I

Eine halbe Stunde noch. Im Vorhof des barocken Hôtel Maynier d’Oppéde stehen schon an die fünfzig Neugierige Schlange. Sicher ist sicher: Die Plätze sind schnell weg in den öffentlichen Meisterklassen der Académie européenne de musique, die das Festival in Aix seit 1998 veranstaltet. Man scherzt, winkt sich zu, plaudert entspannt über die Hitze, die Familie, das...

Lohn der Keuschheit

«Diabolus in musica» lautete im Sommer 2005 die Losung für das seit 1990 alljährlich in der Emilia Romagna stattfindende Ravenna Festival. Damals dirigierte Riccardo Muti eine konzertante Version von Hindemiths Einakter «Sancta Susanna», gepaart mit Beethovens Violinkonzert op. 61, der Solist war Vadim Repin. Die 23. Saison stand nun unter einem aus Hindemiths...