Hier Melancholie, dort Machiavelli
Beschaut man die Szene, wird die Erinnerung an Schubert wach: Fremd bin ich eingezogen, fremd zieh ich wieder aus. Losgelöst von den Menschen, schwebt Lucia Ashton – soeben hat sie den ihr aufgezwungenen Gatten Arturo gemordet – im blutbefleckten Hochzeitskleid die Treppe hinab in den Saal (Bühne: Robert Pflanz), besteigt den festlich gedeckten Tisch, liegt dort, von Kerzen beleuchtet, und hebt an mit dieser unglaublich schönen und schmerzensreichen Arie, die uns von der Liebe erzählt – von einer unmöglichen.
Kein Zweifel, hier ist jemand aus seiner Mitte verrückt geworden: von den Umständen, auch von der Gesellschaft, die ihrerseits von ihr abrückt (der famose Chor des Mecklenburgischen Staatstheaters in den wallenden Gewändern von Bettina Lauer). Einer nach dem anderen verlässt den Ort des Grauens. Mit einem solch irren Sinn will man nichts zu tun haben.
Es ist die berührendste Szene der Oper «Lucia di Lammermoor»: der tragischen Titelheldin Abschied von der Welt. Beeindruckend gerät er hier nicht nur wegen der irisierenden Pianissimo-Stimme der koreanischen Sopranistin Hyunju Park, die über eine exquisite Belcanto-Technik gebietet (im Forte allerdings mit etwas zu viel Nachdruck ...
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Opernwelt Januar 2011
Rubrik: Panorama, Seite 45
von Jürgen Otten
Seltsamer Fall: Auf der Jahrespressekonferenz der Komischen Oper Berlin war Intendant Andreas Homoki gefragt worden, was ihn geritten habe, ausgerechnet den prononcierten Dekonstrukteur Sebastian Baumgarten mit der Neuinszenierung des Singspiels «Im Weißen Rössl» von Ralph Benatzky zu betrauen. Prompt wurde Baumgarten zahm. Die gut aufgenommene Premiere ist nicht...
Herr Kränzle, seit Längerem wird eine Krise des Wagner-Gesangs beklagt. Bemängelt wird unter anderem fehlende Textverständlichkeit. Betrachtet man in diesem Zusammenhang die «Rheingold»-Produktion der Berliner Staatsoper am Schiller Theater, in der Sie den Alberich singen, gibt es drei Möglichkeiten. Erstens: Sie sind einfach gut. Zweitens: Daniel Barenboim sorgt...
Der erste Eindruck, der sich im Verlauf der ungeheuerlichen, mit paramusikalischen Klängen unterlegten Sturmszene einstellt: dass der 82-jährige Colin Davis im Dezember 2009 mit dem London Symphony Orchestra wohl – gefühlte Zeit – die «schnellste» Aufführung von Verdis «Otello» geleitet hat. Sie hat einen ähnlichen rhythmischen Drive wie die legendäre Aufführung...
