Gefährliche Liebschaften
Benjamin Brittens todernste, abgründige Kammeroper «The Rape of Lucretia» (Die Schändung der Lukretia) aus dem Jahr 1946 und die ein Jahr später folgende parodistische Komödie «Albert Herring» sind für dieselbe kleine Orchesterbesetzung komponiert. Und doch klingt die Tragödie weitaus intimer, ja spröder als das Satyrspiel. Man möchte meinen, dass sich beide Stücke für eine filmische Version besonders gut eignen, und im Falle der im Studio gedrehten, kargen, gleichwohl enorm spannungsvollen Version der «Lucretia» nach einer Produktion der ENO von 1987 trifft das auch zu.
«Albert Herring» in einer Aufführung des Glyndebourne Festivals von 1985 dagegen ist nicht nur penetrant rotstichig oder farblos (je nachdem, wie man den Fernseher justiert), sondern darüber hinaus hoffnungslos antiquiert inszeniert.
Peter Hall hat sich realistische Räume bauen und ebensolche Kostüme schneidern lassen und führt seine Sänger darin hemmungslos aufgesetzt. Das ermüdet schon nach wenigen Minuten. Und erst, wenn die Handlung sich zu verdichten beginnt, gewinnt auch dieser Film an Spannung: wenn der frisch gekürte Maien-König Schluckauf bekommt, weil man ihm Rum in die Limonade gemischt hat; vor ...
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Thornton Wilder veröffentlichte 1931 seinen Einakter zum Fest: «The Long Christmas Dinner». Darin bringt er ein Weihnachtsmenü auf den Tisch, das, streng genommen, neunzig Jahre dauert. Hier werden Handlungen, Ereignisse, Stimmungen eines knappen Jahrhunderts mosaikartig zusammengetragen; während die Ahnen auf der einen Seite die Bühne verlassen, kommen ihre...
Eine komplette Wagner-Oper aufzunehmen, wäre in den dreißiger Jahren technisch durchaus schon möglich gewesen, doch kaum ein Musikfreund hätte das fertige Produkt auch bezahlen können. Aus gutem Grund also hat sich Electrola im Falle der «Meistersinger», die 1938 nicht in einem trockenen Studio, sondern auf der Bühne der Semperoper eingespielt wurden, auf den...
Die Schlachten waren längst geschlagen, und in Erinnerung blieben die Momente der Überwältigung. «Ja, so ein sieghaftes hohes C, wie’s die Mali gehabt hat, bleibt in Herz und Ohr», schrieb Hans Richter, der erste «Ring»-Dirigent, an Amalie Materna, Wagners Brünnhilde von 1876. Der Brief stammt aus dem Jahr 1911. Da hatte Materna ihre Karriere schon fast zwanzig...
